Nr. 15/2013 vom 11.04.2013

Mehr Gemüse dank Krise

Peliti: Ein überzeugendes Beispiel für die Erhaltung alter Nutzpflanzensorten aus Griechenland.

Von Bettina Dyttrich

«Zentralisierung ist immer ein Problem», sagt Vasso Kanellopoulou. «Wenn dem Zentrum etwas zustösst, ist alles verloren. Darum arbeiten wir dezentral.»

Das klingt ziemlich militärstrategisch. Und die Aktivistin der griechischen Organisation Peliti kämpft tatsächlich: gegen das Verschwinden alter Nutzpflanzensorten. So wie es Pro Specie Rara in der Schweiz macht. In den letzten Jahren hat Peliti einen ungeahnten Boom erlebt. Das ist nicht etwa besserer Werbung zu verdanken, sondern der Wirtschaftskrise.

Peliti kann sich nur vier bezahlte Stellen leisten. Alle anderen arbeiten ehrenamtlich, auch RegionalkoordinatorInnen wie Vasso Kanellopoulou. Saatgut und Setzlinge geben sie gratis weiter – darum ist Peliti ungeheuer populär geworden. Denn für immer mehr GriechInnen ist der Gartenbau kein Hobby mehr, sondern überlebensnotwendig. Auch viele BäuerInnen greifen auf die alten Sorten zurück, weil sie kaum Pestizide und Kunstdünger benötigen. Inzwischen kann die Organisation die Nachfrage kaum noch decken. Etwas Geld wird durch den Verkauf von Büchern über Bezugsquellen verdient, ähnlich dem «Sortenfinder» von Pro Specie Rara.

Peliti gibt es seit 1995. «Am Anfang interessierten sich fast nur alte Leute für unsere Arbeit», erzählt die Saatgutaktivistin. Die Vermehrung von bäuerlichem Saatgut war damals eine aussterbende Kunst. Inzwischen wird auf 120 Höfen systematisch Saatgut vermehrt. Die Hälfte der Beteiligten sind ProfibäuerInnen, die andere Hälfte HobbygärtnerInnen.

«Wir versuchen immer, unsere Aktivitäten mit Festen und Feiern zu verbinden», sagt Vasso Kanellopoulou. Auch in der Zusammenarbeit mit Schulen: Kinder ziehen ihre eigenen Setzlinge, die nach vierzig Tagen an einem öffentlichen Fest verschenkt werden. Jedes Jahr findet ein Saatgutfestival mit mehreren Tausend TeilnehmerInnen statt.

In vielen osteuropäischen Ländern geht die Sortenvielfalt in beängstigendem Tempo verloren. Die alten KleinbäuerInnen, die eigene Lokalsorten vermehren, sterben, ohne ihr Wissen weiterzugeben – die junge Generation arbeitet in der Stadt oder in Westeuropa. Die grossen Saatgutfirmen füllen die Lücke, indem sie an Bauern und Gärtnerinnen Hybridsaatgut verkaufen: Das kann gar nicht mehr selber vermehrt, sondern muss jedes Jahr neu gekauft werden. Ein gutes Geschäft. Peliti zeigt, dass diese Entwicklung nicht zwangsläufig sein muss. Auch wenn die Kritik an den Saatgutmultis für die meisten GriechInnen wohl nicht im Vordergrund steht: Die Praxis verändert etwas in den Köpfen. «Seit der Krise ist es einfacher, Freiwillige zu finden», sagt Vasso Kanellopoulou. «Viel mehr Menschen verstehen, dass Saatgut ein öffentliches Gut sein muss.»

Bettina Dyttrich ist WOZ-Redaktorin.

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