Nr. 16/2013 vom 18.04.2013

Von zwanzig auf acht Prozent

Noch immer schlägt «den Deutschen» viel Ablehnung entgegen. Dabei wäre ohne sie Zürich nicht das geworden, was es heute ist.

Von Thomas Bürgisser

«Deutscher Filz macht sich breit»: Mit ihrer im Dezember 2009 lancierten Inseratekampagne setzte die Stadtzürcher SVP in der xenophoben Kampagne gegen die deutschen MigrantInnen in der Limmatstadt einen neuen Tiefpunkt. Auch heute noch stehen «die Deutschen» im Zentrum der Diskussionen um ein Referendum gegen die Personenfreizügigkeit. Mehr als «Überfremdungsdebatten» gegen «Tschinggen», «Jugos» und «Asylanten» scheint jetzt das Bashing gegen die Akademiker und Spezialistinnen aus dem nördlichen Nachbarland bei den aufgeklärten urbanen Eliten salonfähig zu sein, die ihre Identität und Eloquenz infrage gestellt sehen und um gut bezahlte Arbeitsplätze sowie bezahlbaren Wohnraum bangen.

Dabei geht oft die historische Perspektive verloren, denn Zürich war vor hundert Jahren weitaus deutscher als heute. Wie Daten der Statistik der Stadt Zürich belegen, lebten unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg über 40 000 deutsche Staatsangehörige in der Limmatstadt – das waren damals über zwanzig Prozent der Gesamtbevölkerung. Heute hingegen, im Zeitalter der sogenannten Globalisierung und der vielerseits befürchteten «Massenzuwanderung», sind es gerade mal knapp 32 000 ; das macht umgerechnet auf die Gesamtbevölkerung rund acht Prozent aus.

Fast ausschliesslich Männer

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts kamen die Deutschen scharenweise in das aufstrebende, freiheitlich und demokratisch gesinnte Zürich – viele von ihnen als politische Flüchtlinge liberaler, später auch sozialistischer Prägung, die von den repressiven Regimes der deutschen Länder verfolgt wurden. Die schier unbegrenzte Personenfreizügigkeit, wie sie vor 1914 praktiziert wurde, begünstigte die Migration.

Die Deutschen haben der Stadt ihren Stempel aufzudrücken vermocht. Die Zürcher Topografie prägen sie bis heute: Beustweg und Billrothstrasse, Culmann-, Fröbel- und Gladbachstrasse, Goetzstrasse und Hitzigweg, Kinkel-, Mommsen- und Okenstrasse, Röntgenplatz, Schönleinstrasse, Weitlingweg und einige andere Stadtzürcher Pflaster mehr tragen die Namen deutscher Reformpädagogen, Chirurgen, Ingenieure, Kunstgärtner, Architekturprofessoren, Komponisten, Theologen, Kunsthistoriker und Historiker, Naturphilosophen, Mediziner und Politiker.

Gottfried Semper, einer der Stararchitekten seiner Zeit, der etwa auch das Dresdner Opernhaus entwarf, plante das Hauptgebäude der ETH. Sein Kollege Jakob Friedrich Wanner schuf so markante Gebäude wie den Hauptbahnhof oder den Hauptsitz der Credit Suisse am Paradeplatz. Komponisten und Literaten von Weltrang wie Johannes Brahms, Georg Büchner, Gerhart Hauptmann und Richard Wagner siedelten an der Limmat. Der aus Schlesien zugewanderte Herman Greulich sollte sich als Sozialistenführer zu einem Schwergewicht der Schweizer Politik entwickeln. 157 solcher Persönlichkeiten, die zwischen 1830 und 1914 in Zürich lebten und wirkten, hat der Zürcher Publizist Martin Müller in seinem sehr schönen, lesenswerten Buch «Adler bis Wesendonck» porträtiert. Durchwegs sind es Intellektuelle, fast ausschliesslich sind es Männer.

Nicht Adler, sondern Abeljanz

Zwar umfasst Müllers akribisch zusammengetragenes biografisches Lexikon Deutsche «und andere Ausländer»; der Fokus liegt derweil eindeutig auf den Zugereisten aus dem benachbarten Norden. Aber nicht ausschliesslich: So beginnt sein alphabetisch geordnetes Werk nicht – wie der Titel suggeriert – mit dem Physiker Friedrich Adler, sondern mit Haruthiun Abeljanz, einem Gelehrten aus dem Kaukasus, der 1877 als erster Zürcher Kantonschemiker sein Amt antrat. Von der zeitweise sehr bedeutsamen Diaspora russischer Revolutionäre an der Limmat erwähnt Müller dagegen mit Lenin nur den prominentesten. Auch die Studentinnen aus dem Zarenreich, die die ersten Jahrzehnte des Frauenstudiums an der Uni dominierten, kommen vergleichsweise kurz weg (allerdings gibt es über sie auch schon reichlich Literatur).

Das letzte Porträt des Buchs ist ebenfalls nicht, wie der Titel ankündigt, dem Kaufmann und Kunstmäzen Otto Wesendonck gewidmet (in dessen Villa heute das Museum Rietberg untergebracht ist), sondern dem Chemieprofessor Johannes Wislicenus. Als die deutsche Kolonie im März 1871 den Sieg im Deutsch-Französischen Krieg und die Gründung des Kaiserreichs feierte, war er einer der Hauptredner. Die patriotische Veranstaltung zog den Zorn Hunderter mit Frankreich sympathisierender ZürcherInnen auf sich. Ihre gewalttätige Demonstration, in deren Verlauf Polizei und Militär fünf Menschen erschossen, sollte als «Tonhallekrawall» in die Geschichte eingehen. Auch wenn es damals viele Gründe gab, zu demonstrieren, spielten antideutsche Ressentiments wohl eine gewichtige Rolle.

Wer heute jedoch gegen vermeintlich «deutschen Filz» an Universitäten und Spitälern hetzt, kann sich dank Müllers Werk vor Augen führen, welche entscheidende Rolle deutschen MigrantInnen bei der Herausbildung Zürichs zum modernen Hochschul-, Medizin-, Wirtschafts- und Kulturstandort zufiel.

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