Nr. 16/2013 vom 18.04.2013

Innig geliebt

Von Thomas Wagner

Über Ulrike Meinhof ist so viel zu vernehmen gewesen, dass jede neue Veröffentlichung Gefahr läuft, Klischees zu bedienen. Die nun vorliegenden Kindheits- und Jugenderinnerungen von Anja Röhl, der 1955 geborenen Tochter aus erster Ehe des «Konkret»-Gründers Klaus Rainer Röhl, umschiffen diese Klippe. Zwar wurde auch ihr unterstellt, sie wolle der herausragenden Journalistin und späteren Mitgründerin der RAF einen Heiligenschein andichten. Doch tatsächlich gelingt der Autorin, die als «das Kind», «das Mädchen», «die junge Frau» von sich selbst in der dritten Person erzählt, vor allem eine dichte und berührende Beschreibung des bedrückend autoritären Klimas im Adenauerstaat der sechziger Jahre.

Körperliche Züchtigung, die Unterdrückung von kindlichem Eigensinn und die Heimunterbringung von Arbeiterkindern gehörten zu den üblichen Erziehungsmethoden in einer Gesellschaft, der das Gift der faschistischen Ideologie noch in allen Poren steckte. Die Autorin wuchs als Tochter einer alleinerziehenden Mutter in bescheidenen Verhältnissen in einem Arbeiterviertel Hamburgs auf. Die Welt der Reichen lernte sie kennen, wenn sie den auf grossem Fuss lebenden Vater besuchte, der männliche Leser seiner politischen Zeitschrift mit pornografischen Darstellungen junger Mädchen köderte.

Die Begegnung mit Ulrike Meinhof, der zweiten Frau ihres sie sexuell nötigenden Vaters, schildert die ausgebildete Krankenschwester, die heute als freie Dozentin und Theaterrezensentin tätig ist, als wichtige Station ihrer eigenen emotionalen und intellektuellen Befreiung. Von der Mutter ihrer beiden damals innig geliebten Halbschwestern fühlte sich das Kind als eigenständige Person gefördert, erfuhr jenes liebevolle Verständnis, das ihr im eigenen Zuhause fehlte. Sie erlebte die später als Terroristin inhaftierte Meinhof als eine kluge, den Menschen zugewandte Frau. Davon zeugt auch der im Buch in Auszügen wiedergegebene Briefwechsel.

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