Nr. 18/2013 vom 02.05.2013

Im Modus des pulsierenden Staunens durch Berlin

Die Wahlzürcherin Ilma Rakusa streifte ein halbes Jahr lang durch die deutsche Hauptstadt. Aus den Notizen der Flaneuse ist ein tagebuchförmiges Berlin-Journal entstanden.

Von Ulrike Baureithel

Die Berliner, befand Walter Benjamin in seiner berühmten Besprechung von Franz Hessels literarischem «Spaziergang durch Berlin» (1929), seien «andere geworden. Langsam beginnt ihr Gründerstolz auf die Hauptstadt der Neigung zu Berlin als Heimat Platz zu machen. Und zugleich hat in Europa der Wirklichkeitssinn, der Sinn für Chronik, Dokument, Detail sich geschärft.»

Nun hat sich der «Wirklichkeitssinn» Europas mittlerweile wohl eher auf die Details ökonomischer Abgründe verlagert, doch was Berlin betrifft, scheint Benjamins Diktum ganz aktuell, denn mit dem abflauenden Hauptstadthype bringt die Metropole eine eigentlich verloren geglaubte Figur wieder hervor: den Flaneur.

Die durch die Grossstadt schweifenden LiteratInnen, die das in der Bewegung Wahrgenommene reflexiv filtern und eine Form «flanierenden Denkens» erzeugen, haben Konjunktur. War Franz Hessel bislang meist nur ExpertInnen ein Begriff, hat sein Sohn, der kürzlich verstorbene Publizist und Menschenrechtsaktivist Stéphane Hessel, eher unabsichtlich für dessen Wiederentdeckung gesorgt. In Franz Hessels Fussstapfen wandeln nun so unterschiedliche AutorInnen wie David Wagner («Welche Farbe hat Berlin»), Annett Gröschner («Walpurgistag») oder Albrecht Selge («Wach»), nachdem bereits Bodo Morshäuser oder Cees Nooteboom tiefschürfende Stadterkundungen vorgelegt haben.

Strassen, Plätze, Friedhöfe

Dass «der oberflächliche Anlass, das Exotische, Pittoreske» einer Grossstadt besonders auf den Fremden wirkt, wusste schon Benjamin. Wohl auch deshalb sind die meisten Berlin-Flanierenden Angeschwemmte oder Durchreisende. Eine mit der Stadt ein besonderes Verhältnis unterhaltende «Flaneuse» ist die aus der Slowakei stammende, seit ihrer Kindheit in Zürich lebende Ilma Rakusa: «Die Stadt», zitiert sie sich selbst mit einer vor zehn Jahren entstandenen Notiz, «ist im Umbruch wie ich. Wir gehören zusammen.» Daran habe sich nichts geändert.

Von Oktober 2010 bis Juli 2011 war die heute 66-Jährige, die 2009 für ihre «Erinnerungspassagen» «Mehr Meer», die an Benjamin denken lassen, den Schweizer Buchpreis erhielt, Gast im Berliner Wissenschaftskolleg und nutzte diese Zeit, um durch die deutsche Hauptstadt zu streifen. «Berlin und Schönheit», stellt sie fest, «das ist zweierlei.» Wohl wahr!

«Aufgerissene Blicke» nennt sie ihr tagebuchförmiges Berlin-Journal und verweist damit auf einen Wahrnehmungsmodus, der wie bei aufreissendem Himmel flüchtige, rasch vergängliche, illuminierende oder verstörende Einblicke zu geben verspricht.

Ganz wie der von ihr zitierte Gewährsmann Hessel gibt sich auch Rakusa den Oberflächenerscheinungen der Stadt hin, wenn sie durch die unterirdischen Gelasse des Berliner Nahverkehrs streicht, sich unter die BettlerInnen in den Bahnhöfen mischt oder sich über die Verkäufer von Obdachlosenzeitungen und die unzähligen StrassenmusikerInnen wundert. Sie bedauert den Verlust einer Galerie, die der grassierenden Gentrifizierung zum Opfer gefallen ist, stolpert im Winter über vereiste Gehwege, die sie «in ihrer Ungeräumtheit» ans einstige Leningrad erinnern oder spaziert im Frühjahr über den Kreuzberger Türkenmarkt. Für die Stadtwanderin spielt das Wetter eine wichtige Rolle – ist es schön, treibt es sie auf Strassen, Plätze oder auf Friedhöfe, regnet es, wandelt sie durch Ladengalerien oder shoppt in den noch vorhandenen kleinen Läden in Berlin-Mitte.

Rakusa versucht sich dem Gefühl «pausenloser Beanspruchung» zu entziehen, indem sie sich in den Modus «pulsierenden Staunens» versetzt, um den «gesprungenen Oberflächenzusammenhang» des Stadtalltags, wie es Siegfried Kracauer, ein ebenfalls flanierender Zeitgenosse Hessels, genannt hätte, einzufangen. Aber Rakusa ist zu sehr involviert in und abgelenkt von Museums- und Theaterbesuchen, von den zahllosen Begegnungen mit mehr oder minder berühmten Leuten, von Café-Latte-Sitzungen in hippen Lokalen und, pardon, oberflächlichen Betrachtungen über Politik, um das sinnlich Erlebte ästhetisch verfeinern zu können.

Ein wenig Pflichtprogramm

Ja, tatsächlich, in Berlin riecht es nicht mehr nach Braunkohle, sondern nach Armut. Aber wie riecht sie genau? Wie fühlt es sich an, wenn man den Inner Circle der Stadt verlässt und in die Plattenbauzone vordringt? Wenn die junge Welt um den Kollwitzplatz oder die bunte der exotischen Märkte endet und wenn die fröhliche Armut nur noch ganz traurig in Erscheinung tritt?

Es gibt durchaus poetische Passagen in diesem Journal, überraschende Sätze wie «Glück liegt im Seinsverb» und manch unbekannte fotografische Ansicht. Aber etwa «Kleinrussland», am Charlottengrader Küchentisch eingefangen, bleibt einfach zu blass. Vieles wirkt so abgenutzt wie das touristische Pflichtprogramm, das die Autorin im Lauf der Monate absolviert. Am meisten irritiert jedoch, dass die distanzierten Kurzberichte von der Fukushima-Katastrophe eingebettet sind in lange, engagierte Erörterungen über Kulturereignisse. Weltblick und «Stadtstube» (Benjamin) finden bei Rakusa dialektisch einfach nicht recht zusammen.

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