Nr. 18/2013 vom 02.05.2013

«Sichtbarmachen» durch Verhüllen

Von Jochen Kelter

Die am thurgauischen Untersee beheimatete Künstlerin Margaret Marquardt hat im Jahr 2011 in einer sechsmonatigen Aktion den grossen Christus am Kreuz in der neobyzantinischen evangelischen Stadtkirche in Tuttlingen mit Mullbinden völlig verhüllt und davor einen von der Decke bis auf den Altarboden reichenden roten Lichtstrahl gesetzt. «Ver-bund-en» hat sie ihre Intervention genannt, die zu ihrem Werkkomplex «Heilung» gehört.

Dieses «Sichtbarmachen» durch Verhüllen hat den Schriftsteller Arnold Stadler zu einem Essay aus mehreren Textteilen veranlasst, der nun mit Fotografien der Aktion in ihren verschiedenen Phasen als Buch vorliegt.

Stadler gesteht ein, dass die Arbeit keineswegs in einem christlichen Kontext steht und «das Kreuz längst (…) zu einer säkularisierten Metapher geworden» ist. Aber gerade aufgrund der aufgeladenen Symbolik weist er zu Recht darauf hin, dass Marquardts Eingriff mehr will als einen ästhetischen Effekt. «Das Verhüllen ist ein Zeigen.» Nämlich, dass wir des Trosts, des Eingebundenseins, der Heilung bedürfen. «Kunst ist ein Rettungsversuch: die Wahrheit zum Vorschein bringen.»

Das Kreuz sei geradezu das Gegenteil einer Bankrotterklärung: «das Zeichen der Versöhnung von Himmel und Erde, Gott und Mensch». Hierin mag man dem Autor folgen oder nicht. Aber bei der Lektüre wird klar, dass es ihm um mehr geht als Kunst – mehrfach weist er darauf hin, welche Künstler der Moderne sich mit dem Kreuz beschäftigt haben: Kasimir Sewerinowitsch Malewitsch, Joseph Beuys, Antoni Tàpies, Andy Warhol oder Mark Rothko. Und worum es ihm geht: um den verlorenen Glauben, dem er nachtrauert, den Unglauben in der heutigen Welt. Das kann in Sätzen gipfeln wie: «Der Unglaube ist auch ein Glaube» – als könnten wir dem Glauben gar nicht entkommen.

Nun ja. Der studierte Theologe führt uns durch die Geschichte des Kreuzes und seiner Kirchen. Das Wichtigste aber ist sein Bekenntnis zu einer Kunst, die mehr will als Schein und ästhetisches Wohlbehagen.

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