Nr. 19/2013 vom 09.05.2013

In schmutzigen Kriegen bleibt die Humanität auf der Strecke

Hat allein die spanische Kolonialmacht auf Kuba das Konzentrationslager erfunden? Nein, sagt der Berner Historiker Andreas Stucki in seiner Studie über die kubanischen Unabhängigkeitskriege im 19. Jahrhundert.

Von Ralph Hug

Auf der Suche nach dem Ursprung der Konzentrationslager glaubten HistorikerInnen, in Kuba fündig geworden zu sein. Im antikolonialen Krieg von 1868 bis 1898 auf der Zuckerinsel seien die ersten KZ entstanden. Damals kämpften einheimische Rebellen jahrelang gegen die spanischen Kolonialherren. Mit Erfolg: Am Schluss musste Madrid Kuba (wie etwa auch die Philippinen) preisgeben und abziehen. Das einst weltumspannende Kolonialreich brach jäh zusammen.

Im damaligen Kampf gegen die dezentral operierende Guerilla wandten spanische Militärs eine neue Taktik an: «Alle Bewohner der ländlichen Gebiete haben sich innerhalb von acht Tagen in von Truppen besetzten Dörfern einzufinden», lautete der Befehl. Die Einheimischen sollten in befestigten Städten und Wehrdörfern konzentriert werden, wo sie unter der Kontrolle des Militärs waren. Ziel war, den Guerilleros den Nährboden eines funktionierenden Hinterlands mit einer sympathisierenden Bevölkerung zu entziehen.

Empörung in der Weltpresse

Dieser Befehl hatte fatale Folgen, soweit er überhaupt umgesetzt wurde. Grosse Teile der Landbevölkerung mussten zwangsumgesiedelt werden. Die gewaltsamen Deportationen führten in den Städten und Ortschaften zu Übervölkerung, Hunger und Seuchen. Die landwirtschaftliche Produktion kam vielerorts zum Erliegen. Es gelang nicht, die entwurzelten Menschenmassen angemessen zu versorgen – soweit dies überhaupt das Bestreben der spanischen Besatzer war, denen wenig am Wohlergehen der Zivilbevölkerung, aber viel am militärischen Sieg gelegen war. Mindestens 400 000 Personen wurden in rund achtzig befestigten Orten konzentriert. Die derart Gefangenen wurden «reconcentrados» genannt. 170 000 starben an Krankheiten und an Unterernährung.

Propagandistische Bilder von bis aufs Skelett abgemagerten Menschen gingen um die Welt und entfachten eine Welle der Empörung über die rücksichtslosen und brutalen Spanier – Bilder, die im Zweiten Weltkrieg in Hitlers Nazireich wieder auftauchen sollten. Für den Massenmord auf Kuba wurde ein General verantwortlich gemacht: Valeriano Weyler, auch «der Schlächter» genannt. Weyler diente dem spanischen Staat als Spezialist in Aufstandsbekämpfung. Schon sein Name löste Furcht und Schrecken aus – und grosse Schlagzeilen in der Weltpresse.

Die Spirale der Gewalt

Doch vieles war auch Propaganda, wie Andreas Stucki in seiner beispielhaften Studie «Aufstand und Zwangsumsiedlung» aufzeigt. Der Schweizer Historiker, der heute in Hamburg am Institut für Sozialforschung von Jan Philipp Reemtsma arbeitet, nahm es genau und prüfte Dokumente, Berichte, Legenden und Vorurteile in mühevoller Arbeit in den spanischen und kubanischen Archiven auf ihren Gehalt. Dabei erwies sich die Geschichte von der Erfindung der Konzentrationslager auf Kuba als ebenso einseitig wie die Zuschreibung aller Grausamkeiten allein an die Kolonialmacht. Ähnlicher Antiguerillamethoden bedienten sich auch Britannien in Südafrika, Holland in Fernost oder Portugal in Moçambique. Wahr ist hingegen, dass sich die Fatalität solcher Strategien erstmals auf Kuba drastisch zeigte. Die Vorgänge auf der Karibikinsel allein können hingegen kaum als «Aufbruch ins Jahrhundert der Lager» gelten, wie Stucki plausibel darlegt.

Auch die als Befreiungskämpfer weltweit verehrten Streiter für Kubas Unabhängigkeit gingen gewaltsam vor, fackelten Zuckerfabriken ab und setzten Plantagen in Brand – wenn auch diese Gewalt nie das Ausmass jener der Kolonialherrschaft annahm.

Es war die Gewaltspirale, die sich immer mehr drehte und in bislang unbekannte Exzesse mündete. In «schmutzigen» oder asymmetrischen Kriegen wie auf Kuba bleibt die Humanität auf der Strecke: Dies ist eine der Haupterkenntnisse von Stuckis kritischer Studie, die auch deshalb höchst aktuell ist, weil sie auf moderne Methoden der Aufstandsbekämpfung verweist, wie sie tagtäglich in Afghanistan, Syrien, im Kongo und anderswo auf der Welt praktiziert werden.

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