Nr. 19/2013 vom 09.05.2013

Mitten in der Bastion des Antikapitalismus

BuchhändlerInnen im Zentrum Madrids trotzen der Krise ebenso unerschrocken wie erfindungsreich. Eine Reportage aus dem weitverzweigten Netzwerk der Indignados.

Von Erich Hackl

Lavapiés liegt im Herzen Madrids, fünfzehn Minuten von der Puerta del Sol entfernt. Es ist ein armes, von Immigrantinnen und Nachtschwärmern geprägtes Viertel und durch die Massenentlassungen der letzten Zeit noch ärmer geworden. Umso erstaunlicher, dass es hier immer mehr Buchhandlungen gibt. Ein paar von ihnen will ich aufsuchen: nicht wie sonst als Stammkunde, sondern um zu erfahren, wie sie sich in der Krise behaupten.

Den Weg in die nächstgelegene würde ich auch mit verbundenen Augen finden. Ich brauche nur aus dem Haus zu treten, in dem ich zeitweilig wohne, und die Mesón de Paredes hinaufzugehen, vorbei an einem Gassenlokal, das die Konjunktur der vergangenen Jahre widerspiegelt: Ursprünglich eine Buchbinderei, wurde es der Reihe nach als Lager für Billigimporte aus China, als Verkaufsstand mit maghrebinischem Kunstgewerbe und als Immobilienbüro genutzt. Dann stand es lange leer. Anfang Januar hat sich hier die Sprachakademie «Clubhaus Kaiser» eingemietet, in der arbeitslose AkademikerInnen Deutsch lernen in der Hoffnung auf einen Kellnerjob in Berlin oder München. In der ersten Querstrasse befindet sich, zwischen einem algerischen Friseurladen und dem Lieferanteneingang des Markts San Fernando, die Librería del Mercado.

Mit Mut in die Selbstständigkeit

Die Buchhandlung gibt es seit zwei Jahren, sie wird von Cristina García betrieben, einer ruhigen, umsichtigen Frau Mitte vierzig. Zuvor arbeitete sie 22 Jahre lang in der Verkaufsabteilung eines Klimaanlagenherstellers. Mit der Kündigung von zehn Angestellten reagierte die Firma, trotz voller Auftragsbücher, auf die ersten Anzeichen der Krise im Baugewerbe. Zu ihrem Glück war García noch vor Inkrafttreten der repressiven Arbeitsmarktreform entlassen worden. Das Unternehmen musste sie deshalb, nach einem langwierigen Verfahren vor dem Arbeitsgericht, mit 45 Tagesgehältern pro Beschäftigungsjahr abfinden und nicht, wie inzwischen vorgeschrieben, mit 20 oder – im Fall von Kleinbetrieben – gar nur 12 Tagesgehältern.

Die Suche nach einer neuen Stelle erachtete sie in ihrem Alter von vornherein als aussichtslos. So beschloss sie, aus der Not eine Tugend zu machen und sich selbstständig zu machen. Vom Buchhandel hatte sie keine Ahnung, aber gelesen hat sie schon immer gern. Von der Abfindung würde sie ein paar Jahre lang leben können, zumal die Ladenmiete mit zehn Euro pro Quadratmeter durchaus erschwinglich war.

García kann es sich nicht leisten, nur Bücher zu führen, die ihr gefallen: solche, die nicht der Zerstreuung dienen, sondern den Blick auf gesellschaftliche Zustände schärfen. Laufkundschaft ist selten in dieser sozialen Randlage, und für die kleine Schar StammkundInnen, die sie sich mittlerweile herangezogen hat, muss sie auch Fantasyromane und Erotikplunder bestellen. Lohnkürzungen treffen sogar die relativ krisensicheren Berufsgruppen der Lehrerinnen und Beamten, die überdurchschnittlich viel lesen.

Unvermeidlich also, dass Cristina García ihren Lebensunterhalt immer noch von der Abfindung bestreitet. Trotzdem ist sie zufrieden: Zum ersten Mal halten sich Ausgaben und Einnahmen die Waage. Angefangen hat sie mit tausend Büchern, die im Voraus zu bezahlen waren. Inzwischen ist der Bestand auf 4000 angewachsen, und die Auslieferer gewähren ihr eine Zahlungsfrist von zwei Monaten.

Sie hat ihre Entscheidung keinen Augenblick lang bereut. Weil sie ständig dazulerne und nur sich selbst verantwortlich sei. Ihre ehemaligen ArbeitskollegInnen hatten die Abfindung dazu verwendet, Hypotheken zurückzuzahlen. Nun sitzen sie, sagt García, schuldenfrei in ihren Wohnungen, wo ihnen die Decke auf den Kopf fällt. Alle paar Tage muss sie Arbeitsuchende abweisen. Junge HochschulabsolventInnen mit abgeschlossenem Studium und drei, vier Masterkursen – ihre Curricula lesen sich, sagt sie, wie die von Spitzenkräften in Forschung und Management. 700 Euro, das sei der Monatslohn, den sie erhofften, und sie würden jede Stelle annehmen, in der Buchhandlung ebenso wie bei einem Metzger.

Aber García kann niemanden einstellen. Sie steht 45 Stunden die Woche allein hinter dem Ladentisch, hat auch schon mit vierzig Grad Fieber den Rollladen hochgezogen, sich bloss in der Apotheke gegenüber ein Medikament besorgt. Nur einmal ist sie, wegen einer Fischvergiftung, einen halben Tag zu Hause geblieben. Die vielen Buchhandlungen ringsum betrachtet sie nicht als Konkurrenz, sondern als Bereicherung. Sie ist vorsichtig optimistisch, innerhalb des generellen Pessimismus. Weil ihr etwas gelungen ist, aus eigener Kraft und mit eigenem Kopf.

Indignados beleben Markthalle

Bis zur zweiten Buchhandlung sind es nur ein paar Schritte: einmal um die Ecke, dann die Stufen hinauf in die Markthalle. Bis April des Vorjahres stand sie halb leer, weil die KundInnen allmählich zu den Supermärkten und Billigläden abgewandert waren. Es hiess, ein Investor werde das gemeindeeigene Gebäude kaufen. Aber inzwischen haben Arbeitslose und Unterbeschäftigte die vielen freien Stände gepachtet. Sie hatten sich bei der Protestbewegung des 15. Mai (15-M) auf der Puerta del Sol kennengelernt und waren übereingekommen, den Markt wiederzubeleben, in einer gemeinsamen und dem Gemeinwohl nützlichen Aktion.

Jetzt bieten sie mit einigem Erfolg Waren und Dienstleistungen an, die in Krisenzeiten angeblich wenig gefragt sind. Gemüse, Öl, Wein aus biologischem Anbau, gutes Brot, Biersorten kleiner Brauereien, handgestrickte Mützen und Pullover, kuriose Geschenkartikel. Imbissbuden mit frisch zubereiteten Gerichten gehören ebenso dazu wie eine Änderungsschneiderei und ein Stand mit antiquarischen Büchern, deren Preis sich nach Gewicht berechnet, ein Euro pro hundert Gramm. Sein Name, La Casquería, erinnert daran, dass hier einmal Innereien verkauft wurden.

Von den sechs Leuten, die ihn übernommen haben, sind nach einem Jahr drei übrig geblieben. Eine von ihnen, Raquel Olózaga, sagt mir, dass sich ihre Erwartungen erfüllt hätten, auch wenn sie von den Einnahmen nicht leben können. Die Ausgaben sind, bei hundert Euro Standmiete, minimal, und die Bücher werden ihnen von Bekannten und Nachbarn geschenkt. Sie nehmen alle, weil sie politische oder ästhetische Auswahlkriterien als Bevormundung ablehnen – eine Haltung, die typisch ist für die Indignados des 15-M. Auf einer Stellwand darf jede und jeder die Bücher propagieren, die ihr oder ihm besonders wichtig sind. Viel Schund ist darunter, hin und wieder eine Entdeckung.

Kämpferische Genossenschaft

Drei Häuser weiter die nächste Buchhandlung. Sie heisst Traficantes de Sueños – Traumhändler – und wurde vor vierzehn Jahren als Genossenschaft gegründet, zu der auch ein Verlag, ein Buchvertrieb sowie ein Grafikbüro gehören. Im grossen Vestibül der Buchhandlung finden Vorträge und Seminare statt, seit neustem auch Kurse zu Formen politischer Intervention. Dieses Bildungsangebot sei nötig geworden, sagt Bibiana Alonso, weil die Universitäten aufgrund des neoliberalen Umbaus systemkritische Inhalte kaum noch vermitteln.

Alonso leitet die Buchhandlung und bezieht als Vollzeitangestellte ein Nettogehalt von 900 Euro. Das Gewerbe ist ihr vertraut, schon ihre Mutter führte einen Buchladen, sie selbst arbeitete in einer Druckerei. Die 200 Genossenschaftsmitglieder zahlen alle zwei Monate dreissig Euro. Dafür erhalten sie bei jedem Einkauf zehn Prozent Rabatt, ausserdem gratis alle Neuerscheinungen des Verlags, der jährlich ein Dutzend antikapitalistische Sachbücher veröffentlicht. Ihre Auflage liegt zwischen 1500 und 2000 Exemplaren. Man kann sie auch kostenlos, für den Eigengebrauch, von der Website der Traficantes herunterladen.

Bei der Protestbewegung auf der Puerta del Sol waren sie von Anfang an dabei. Das habe ihnen, sagt Alonso, neue KundInnen gebracht, die bis dahin in den grossen Warenhäusern eingekauft hätten. Aber der Aufschwung infolge «bewussten Konsums» sei durch die Krise gestoppt worden. Bei der Buchmesse, die in Madrid unter freiem Himmel stattfindet, sei der Umsatz um zwanzig Prozent zurückgegangen, das Weihnachtsgeschäft habe um 25 Prozent nachgelassen. Nun gehe es darum, die Zahl der GenossenschafterInnen zu halten.

Hier laufen die Fäden zusammen

Auch der libertäre Buchladen La Malatesta drei Strassen weiter, in der Calle Jesús y María, wird kollektiv geführt, von einem halben Dutzend AnarchistInnen, in der Praxis jedoch von Ricardo und Marcos, zwei Aktivisten Mitte dreissig, die nicht mit Nachnamen genannt werden wollen. Sie betreuen nicht nur das Ladengeschäft und einen Stand auf der Plaza Tirso de Molina, wo sich sonntags die ausserparlamentarische Linke trifft, sondern leiten auch den gleichnamigen Verlag, der jährlich vier bis fünf Bücher publiziert. Am besten haben sich bisher Pjotr Kropotkins «Die Eroberung des Brotes», die Autobiografie des legendären spanischen Anarchisten Cipriano Mera und ein Sammelband über anarchistische Pädagogik verkauft.

Die Buchhandlung La Malatesta ist vor fünf Jahren nach Lavapiés übersiedelt. Der frühere Standort – Malasaña, ein anderes populäres Viertel – sei ihnen zu schick geworden, sagt Ricardo. Auch seien sie dort gelegentlich von Neonazis belästigt worden. Lavapiés dagegen gilt als Bastion des Antikapitalismus. Letztes Jahr haben EinwohnerInnen sogar ein Einsatzkommando der Polizei vertrieben, das einen illegalen Einwanderer festnehmen wollte.

Der kleine, aber gut sortierte Laden dient auch als Versammlungslokal. Das Stadtteilkomitee des 15-M hält hier seine Treffen ab, der Freidenkerbund sowie ein Grüppchen unentwegter SituationistInnen. Jeden Freitagabend gibt es Buchpräsentationen und Diskussionsveranstaltungen. Ziel sei es, so Ricardo, die ewige Zerstrittenheit der AnarchistInnen zu überwinden.

Mir scheint, er und sein Partner hätten bereits ein grösseres Ziel erreicht: einen Ort zu schaffen, an dem das historische Gedächtnis der radikalen Linken aufgehoben ist. Der Preis dafür ist die prekäre materielle Existenz; die beiden dürften nicht mehr als 650 Euro im Monat verdienen. Das ist zurzeit der gesetzliche Mindestlohn. Die Frage, ob man davon leben kann, prallt an Ricardos Bekenntnis ab, dem Cristina García und Bibiana Alonso vermutlich zustimmen würden: «Ich habe in meinem ganzen Leben nichts Wichtigeres getan.»

Arbeitslosigkeit in Spanien

Über sechs Millionen

Die Arbeitslosigkeit in Spanien hat einen neuen Rekord erreicht: Wie das Nationale Spanische Statistikinstitut Ende April mitteilte, sind 6,2 Millionen SpanierInnen arbeitslos, davon suchen rund 2 Millionen schon seit mehr als zwei Jahren Arbeit. Im ersten Quartal dieses Jahres stieg die Zahl der Arbeitslosen um beinahe 240 000 Personen, zum ersten Mal in der Geschichte des Landes überschreitet sie damit die 6-Millionen-Grenze. Vor allem Jugendliche sind betroffen: Mehr als fünfzig Prozent der spanischen Jugendlichen gehen keiner bezahlten Erwerbstätigkeit nach.

Auch die Anzahl der Familien, in denen zurzeit kein Mitglied eine reguläre Stelle hat, ist angestiegen, auf 1,9 Millionen. Zwar wurden im ersten Quartal dieses Jahres 80 000  neue Stelle geschaffen, doch gleichzeitig gingen 320 000  Arbeitsplätze verloren, die meisten in der Privatwirtschaft. Aufgrund der Sparmassnahmen der Regierung wurden aber auch mehr als 70 000  Stellen im öffentlichen Dienst gestrichen. Gemäss der spanischen Nichtregierungsorganisation Intermón Oxfam leben gut 27 Prozent der SpanierInnen in Armut. Die NGO geht davon aus, dass es in zehn Jahren bereits 40 Prozent sein werden.

Spanien gehört ebenso wie Griechenland, Zypern und Portugal zu jenen Staaten innerhalb der EU, in denen die Arbeitslosenquote, über das letzte Jahr betrachtet, am stärksten gestiegen ist.

Silvia Süess

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