Nr. 19/2013 vom 09.05.2013

Spricht die sowjetische Folklore auch die Jungen an?

Tiina Fahrni erklärt, wie in Russland der 1. Mai gefeiert wurde, was in Russland «links» heisst und weshalb dort Rosa Luxemburg allen Leuten ein Begriff ist.

Von Thomas Bürgisser

WOZ: Frau Fahrni, wie wurde letzte Woche in Russland der 1. Mai begangen?
Tiina Fahrni: Überall gingen die Leute auf die Strasse, um den Frühling und ein schönes, traditionelles Volksfest zu feiern. In Moskau nahmen 90 000 Menschen an einem Umzug der Regierungspartei Einiges Russland, der Putin-nahen Allrussischen Volksfront sowie der Gewerkschaften teil. Darauf folgten Paraden der Kommunistischen Partei und schliesslich der Liberal-Demokratischen Partei Wladimir Schirinowskis. Mit einer Protestveranstaltung für soziale Anliegen und mehr Rechte für Arbeitende hatte das alles gar nichts zu tun.

Wladimir Putin zeichnete erstmals seit Sowjetzeiten fünf Bürger als «Helden der Arbeit» aus. Weshalb dieser Griff in die Mottenkiste?
In einer Gegenwart, die als chaotisch empfunden wird, haben die Menschen mehr positive Bezüge zur sowjetischen Vergangenheit, als viele wahrhaben wollen. Durch punktuelle, aus dem historischen Kontext gerissene Rückgriffe auf sowjetische Traditionen bedient das Regime diese Bedürfnisse.

Kann diese sowjetische Folklore auch die Jungen ansprechen?
Diese Feiertage sind Events, in die viele Elemente eingebracht werden, die im Westen als inkonsistent oder unpassend erscheinen können. Im sibirischen Jakutsk etwa tanzten 8000 zumeist junge Leute an der 1.-Mai-Parade, die unter dem Motto «Sport und gesundes Leben gegen Rauchen und Alkohol» stand. Da können ganz unterschiedliche Phänomene widerspruchsfrei zusammenwirken, auch wenn das unlogisch erscheint.

Die Rosa-Luxemburg-Stiftung (RLS), für die Sie arbeiten, steht der deutschen Partei Die Linke nahe. Was heisst das?
In Deutschland ist jeder der sechs Parteien, die derzeit im Bundestag vertreten sind, je eine politische Stiftung assoziiert. Diese Stiftungen werden nach einem vom Wähleranteil abhängigen Schlüssel von der Bundesregierung – nicht von der Partei – finanziert. Sie betätigen sich im Bereich der politischen Bildung – im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit und Aussenpolitik auch im Ausland.

Was für Projekte unterstützen Sie in Russland?
Einer unserer Schwerpunkte ist es, sozial marginalisierten Gruppen Zugänge zum öffentlichen Raum zu ermöglichen, der in Russland aus historischen Gründen stark reglementiert und fremdbestimmt ist. Das kann Menschen mit Behinderungen betreffen, für die etwa der Zugang zur Metro physisch nicht möglich ist. Oder wir wollen Menschen mit «nichttraditioneller sexueller Orientierung», wie man Homo-, Bi- und Transsexuelle hier nennt, dabei unterstützen, in einer selbst gewählten Lebensform existieren zu können. Es geht um den Zugang für Frauen zu männlich bestimmten Bereichen wie Politik und Wissenschaft – oder für Männer zu Frauendomänen. In Grossstädten wie Moskau darben Hunderttausende Arbeitsmigrantinnen und -migranten aus Tadschikistan, Usbekistan oder Moldawien unter unvorstellbaren Bedingungen. Gemeinsam mit Basisorganisationen möchten wir zu menschenwürdigen Lebensbedingungen für sie beitragen.

Wie gehen Sie da vor?
Politik wird in Russland als etwas wahrgenommen, auf das die Menschen keinen Einfluss nehmen können. Künstlerische Ausdrucksformen oder wissenschaftliche Debatten werden dagegen als Bereiche erlebt, in die man sich einbringen kann und so auf die Gesellschaft Einfluss nehmen kann. Wir unterstützen deshalb auch politisch wirksame Rockmusik oder Kunstprojekte. Daneben organisieren wir Foren für den Austausch zwischen Nichtregierungsorganisationen, Gewerkschaften und linken Thinktanks, die sich in den Bereichen Bildung, Gesundheit, Renten, Wohnraum und Familie engagieren. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion vollzieht sich ein Zerfall der sozialen Sicherheit. Zwanzig Jahre Raubtierkapitalismus haben zu einem totalen Abbau sozialstaatlicher Dienstleistungen geführt.

Wie positionieren Sie sich eigentlich innerhalb der «Linken» Russlands?
Wir bezeichnen uns als «zeitgenössisch links», worunter man die Verbindung von marxistischen Forderungen nach einer Vergesellschaftung öffentlicher Güter und nach sozialer Gerechtigkeit mit einer gesellschaftsliberalen Maxime für individuelle Freiheitsrechte verstehen kann. Es gibt in Russland viele Gruppierungen, die sich als kommunistisch, sozialistisch oder sozialdemokratisch bezeichnen. Ein Verständnis von «links» wie das unsere ist hier allerdings kaum zu finden.

Was bedeutet das für Ihre Zusammenarbeit mit «linken» Organisationen?
Wir verstehen uns als Ansprechpartner für alle, die sich selbst als links bezeichnen. Darunter gibt es sicher viele, die sich nicht darauf einlassen wollen, was wir darunter verstehen. Da muss man Kompromisse eingehen. Wir arbeiten mit unseren Partnern zusammen, um gemeinsame Ziele zu erreichen – und weniger aufgrund von Werten und Ideologien. Zu unserem Namen haben jedenfalls viele einen positiven Bezug: Bis heute gibt es in fast jeder russischen Stadt eine Rosa-Luxemburg-Strasse.

Tiina Fahrni (36) ist Leiterin des Regionalbüros Moskau der deutschen Rosa-Luxemburg-Stiftung. Luxemburg war eine der herausragenden Figuren der europäischen ArbeiterInnenbewegung. 
Im Zuge der Revolution in Deutschland wurde 
sie im Januar 1919 in Berlin von rechtsradikalen Freikorps ermordet.

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