Nr. 19/2013 vom 09.05.2013

Liebe in Zeiten von Social Media

Von Geri Krebs

Die sechzehnjährige Mia (Joëlle Witschi) erlebt Liebesleid und ist am Boden zerstört. Ihre in Herzensangelegenheiten erfahrenere Schwester Laura (Deleila Piasko) ist überzeugt: «Männer sind eh alle gleich.» Auf Lauras Rat setzt Mia folgenden Racheplan am männlichen Geschlecht in die Tat um: auf einer Datingsite einen paarungswilligen Jungmann kontaktieren, ihn treffen, sein Herz entflammen lassen – und dann eiskalt abservieren.
Was wie ein simpler Plot einer flachen Teenieklamotte klingt, gerät Peter Luisi zur psychologisch stimmigen und formal strengen Versuchsanordnung in Sachen junge Liebe in Zeiten von Social Media.
Der 1975 geborene Luisi verblüffte bereits 2005 als Autor, als er Fredi M. Murer das Drehbuch zu «Vitus» völlig umschrieb. Nun verblüfft er mit einer dramaturgischen Idee: Er lässt in «Boys Are Us» Timo, das männliche Opfer der weiblichen Rachegelüste, nacheinander von drei verschiedenen Schauspielern spielen. Das klingt spröder und verkopfter, als es tatsächlich ist. Denn die Art, wie die drei Schauspieler (Peter Girsberger, Nicola Perot und Rafael Mörgeli) mit zunehmender Filmdauer mehr und mehr zu einer einzigen Figur werden – in einem immer schnelleren «Wie es auch noch hätte sein können» –, bewirkt einen Taumel, wie man ihn so noch kaum in einem Schweizer Spielfilm erlebt hat. Eine Minderheit der ZuschauerInnen fand Luisis letzten Spielfilm, «Der Sandmann» (2011), zwar eine ziemlich witzige, aber aus einer einzigen Idee bestehende Liebeskomödie – und nicht jenen Geniestreich, als die sie teilweise rezipiert wurde. Diese ZuschauerInnen werden an «Boys Are Us» möglicherweise mehr Gefallen finden als an jenem starbesetzten Film. Denn Luisis neuster Langspielfilm lässt sich nicht einfach in die Reihe seiner drei eigenwilligen Liebeskomödien stellen («Verflixt verliebt», 2004, «Love Made Easy», 2006, und «Der Sandmann», 2011). «Boys Are Us» ist bei aller formalen Verspieltheit ein durch und durch ernstes Drama.

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