Nr. 19/2013 vom 09.05.2013

Das letzte Mysterium

Pedro Lenz über Schneuwly und den Lauf.

Von Pedro Lenz

Es gibt wohl keine empfindlicheren Seelen als diejenigen der Fussballstürmer. Alle Stürmer wissen, worum es in ihrem Beruf geht. Alle Stürmer gehen auf den Fussballplatz, um Tore zu erzielen. Und dennoch kennt wohl jeder Stürmer Phasen, in denen es mit dem Toreschiessen einfach nicht klappen will. Da nützt jeweils weder Lob noch Tadel, wenn der Ball nicht reinwill, geht er nicht rein.

Ein Stürmer, der über solche Dinge ziemlich genau Bescheid weiss, ist Marco Schneuwly vom FC Thun. Schneuwly, der im freiburgischen Wünnewil mit dem Fussballsport begann und dessen bewegte Karriere ihn über Düdingen, Freiburg, Kriens, Sion und Bern nach Thun geführt hat, ist ein hervorragender Fussballer. Er ist technisch versiert, kämpferisch einwandfrei, schnell, mannschaftsdienlich und kopfballstark. In seiner besten Zeit war Schneuwly ein Publikumsliebling der Berner Young Boys. Besonders gerne erinnern sich die YB-Fans an seine Doppelpässe mit dem unvergessenen Seydou Doumbia. Marco Schneuwly schien auf dem besten Weg zum Spitzenstürmer, doch dann warfen ihn Verletzungen zurück, und am Ende der letzten Spielzeit wurde er an den FC Thun verkauft.

Obwohl er sich am Fuss des Berner Oberlands gut integrierte, erzielte er in den ersten 24 Meisterschaftsspielen dieser Saison nur vier Tore. Das ist eher wenig für einen, der den Auftrag hat, mit seinen Treffern Spiele zu entscheiden. In den letzten Runden ist dann aber alles anders geworden. Der gleiche Schneuwly haute für den gleichen FC Thun plötzlich sieben Goals in sechs Spielen rein. Ohne sich augenfällig verändert zu haben, trifft Marco Schneuwly also gegenwärtig siebenmal besser als noch vor wenigen Wochen, und niemand hat eine einleuchtende Erklärung dafür.

In Zeitungen und Foren oder im Gespräch unter Fans wird im Zusammenhang mit Stürmern, die lange wenig und dann plötzlich viel treffen, gern von einem sogenannten Lauf gesprochen. Bei Goalies oder Verteidigern kann es genügen, wenn sie solid spielen. Bei Mittelfeldspielern ist es ähnlich. Nur bei den Stürmern genügt Solidität nicht. Sie werden an den Toren gemessen, und um regelmässig Tore zu erzielen, brauchen sie einen Lauf.

So weit wäre alles ganz einfach. Das Problem ist bloss, dass sich im Fussball fast alles lernen und üben lässt, nur die Sache mit dem Lauf nicht. Den Lauf haben oder nicht haben ist keine Frage des Trainings und keine Frage des Fleisses, ja nicht einmal eine Frage des Kopfs. Denn obwohl in Fussballkreisen immer und überall gerne vom Lauf gesprochen wird, weiss niemand zu sagen, woher und wann der Lauf jeweils kommt und wohin er verschwindet, wenn er nicht mehr da ist. Klar ist nur, dass alle Stürmer auf den Lauf angewiesen sind.

Voreilige Leserinnen und Leser werden an dieser Stelle vielleicht einwenden wollen, Weltklassestürmer wie Ibrahimovic, Messi oder Cristiano Ronaldo bräuchten keinen Lauf, weil sie sowieso immer treffen. Aber das stimmt nicht. Selbst die grössten Goalgetter der Weltgeschichte erlebten Zeiten, in denen sie keinen Lauf hatten. Der Unterschied zu durchschnittlichen Stürmern ist höchstens der, dass die Besten den Lauf meist schneller wiederfinden.

In einer Zeit, in der jedes Detail mit wissenschaftlichem Eifer statistisch ausgewertet wird, ist der Lauf womöglich das letzte ungelöste Mysterium des Fussballsports. Fussballtrainer können ihren Spielern aufzeigen, wie viele Kilometer sie in einem Match abgespult haben, wie es so um ihre Fitnesswerte steht, wie ihr Verhalten war und was technisch oder taktisch noch zu verbessern bleibt. Nur zum Lauf können auch die besten Trainer nichts Konkretes sagen.

Marco Schneuwly wäre es zu gönnen, wenn er seinen persönlichen Lauf noch lange behalten könnte. Er soll Sorge zu ihm tragen und schauen, dass er ihm nicht davonläuft.

Pedro Lenz (48) ist Schriftsteller, lebt in Olten und wartet immer wieder geduldig auf seinen Lauf.

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