Nr. 19/2013 vom 09.05.2013

Einfach genug vom Kämpfen

Seit vergangenem Jahr verhandeln Regierung und Guerilla über ein Ende des langen kolumbianischen Bürgerkriegs. Die Bevölkerung kann hoffen – denn auch die UnternehmerInnen haben ein Interesse daran.

Von Wolf-Dieter Vogel, Las Camelias / Bogotá

Einen Lautsprecher, ein Mikrofon und einen alten Röhrenverstärker. Mehr brauchen Enua, Heyler und Francisco nicht, abgesehen von dem Generator, der die kolumbianische Gemeinde Las Camelias mit Strom versorgt. «Nach allem, was wir durchgemacht haben, springen die Worte wie von selbst heraus», sagt der 21-jährige Heyler Santos. Wer die Geschichte der jungen Männer verstehen will, muss nun einfach nur zuhören. Denn heute ist die «Nacht der Erzählungen», und weil an diesem Abend jeder hier am Ufer des Curvaradó über das sprechen soll, was ihn bewegt, sind auch sie mit dabei. Unter dem Dach eines schlichten, aus Holz gezimmerten Hauses rappen die «resistentes», die Widerständigen, wie sie sich nennen, vor ihrem Publikum vom «verfluchten Krieg», von der Vertreibung und vom Terror der paramilitärischen Banden, die lange von der Regierung unterstützt wurden im Kampf gegen die Guerilla der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (Farc). Oder um die Interessen internationaler Konzerne durchzusetzen.

Alle, die dem Sprechgesang zuhören, wissen genau, was gemeint ist. Alle BewohnerInnen der 35-Familien-Gemeinde in der nordwestlichen Region Urabá haben erlebt, was die Rapper zum Ausdruck bringen. «Schon 1996 haben uns Paramilitärs und Soldaten bedroht», erinnert sich Heylers Grossmutter María Ligia Chaverra. Ein Jahr später flüchtete die heute 72-Jährige mit ihrer Familie vor der Gewalt, erst in umliegende Dörfer, später in den Regenwald. Andere zogen in die Städte. Manche überlebten die Angriffe nicht. «Sie verfolgten uns, weil wir angeblich der Farc angehörten, dabei waren wir nur Bauern.» Erst später verstand Doña María, was hinter der Invasion steckte. Nach der Vertreibung nutzten Agrarunternehmen das Land hier im Departement Chocó, das einst sie und ihr Mann im Regenwald urbar gemacht hatten. Die Unternehmen pflanzten Bananenstauden und Ölpalmen an, die bis zum Horizont reichten; auf den Wiesen weideten Rinder.

Ein paar Quadratmeter Sicherheit

Von den Palmen sind heute nur noch die vertrockneten Stümpfe zu sehen. Ein Symbol. Denn mehrere Jahre nach ihrer Vertreibung kehrten die Menschen zurück, zerstörten die Palmen, die ihren Boden auslaugten, und siedelten sich in sogenannten humanitären Zonen wieder an. «Kein Zugang für bewaffnete Akteure» steht seither auf einem Schild am Eingang von Las Camelias, rund um die Gemeinde sorgt ein Zaun für Schutz. Es sind nur ein paar Quadratmeter Sicherheit. Aber nach und nach versuchen die RückkehrerInnen, ihre alte Heimat zurückzuerobern, und bekommen dafür sogar Unterstützung von höchster Ebene. 2011 verabschiedete die Regierung von Präsident Juan Manuel Santos ein Gesetz, das eine Entschädigung sowie die Rückgabe des gewaltsam enteigneten Landes vorsieht.

Doch einfach ist das nicht. So wurden in den Jahren 2010 und 2011 in Kolumbien 26 Menschen ermordet, die ihr Land eingeklagt hatten. Auch Heyler hat Angst, allein aufs Feld zu gehen, seine Grossmutter wurde erst jüngst wieder bedroht. Wer dahintersteckt? «Die Paramilitärs», ist Doña María überzeugt. Diese Leute seien zwar offiziell seit einigen Jahren demobilisiert, dennoch agierten sie weiter im Auftrag der Agrarunternehmen.

Deshalb macht sich die agile Frau mit den müde wirkenden Augen zusammen mit ihrem Enkel auf eine lange Reise. Gemeinsam mit vierzehn weiteren DorfbewohnerInnen fahren sie nach Bogotá, um an einer Demonstration teilzunehmen, mit der die Verhandlungen zwischen Regierung und Guerilla unterstützt werden sollen. Dreissig Stunden quält sich der Bus durch die kolumbianischen Kordilleren. Schon vorher wusste Doña María, dass ihr die Knochen noch Tage danach schmerzen werden. Doch für sie ist klar: «Ohne Abkommen wird es auch für uns keinen Frieden geben.» Frieden, das heisst für Doña María auch Sicherheit, Reparationszahlungen, die Rückgabe ihres Landes und dass die Verantwortlichen endlich zur Rechenschaft gezogen werden (vgl. «Fünf Punkte für den Frieden»).

Zentrale Landfrage

Die Guerilla taucht am Curvaradó nur selten auf. Dennoch spielen die Landkonflikte beim Friedensdialog eine zentrale Rolle. Es war die Farc, die bei den Vorbereitungen der Friedensverhandlungen darauf gedrängt hatte, dass die Themen «Landrechte» und «Agrarwirtschaft» ganz oben auf der Agenda stehen. Zu Recht, wie der Kolumnist Jaime Fajardo Landaeta meint. Die Landfrage sei schliesslich der Grund dafür gewesen, dass die Guerillagruppen Mitte der sechziger Jahre zu den Waffen gegriffen hätten. «Der Mehrheit unserer Kleinbauern wurde das Land geraubt, Millionen Menschen wurden durch den Bürgerkrieg vertrieben», sagt Fajardo, der einst selbst in einer Guerillagruppe aktiv war und jetzt eine Regionalregierung berät. Auch er ist überzeugt: «Wenn es keinen Friedensvertrag gibt, wird kein Unternehmer das Land zurückgeben.»

Es bleibt auch nach der Busreise anstrengend. In Bogotá schieben sich Doña María und die anderen aus Las Camelias Meter für Meter in der Riesendemonstration voran, fünf Stunden lang drängeln sie sich zwischen GewerkschafterInnen, Indigenen und StudentInnen durch die Innenstadt. Rapper Heyler überlegt sich, wie er die Demonstration in seinen nächsten Song einbaut. «Für einen Frieden in Chocó» steht auf seinem T-Shirt. Und: «Marcha Patriótica», der Name des breiten zivilgesellschaftlichen linken Bündnisses, das vor rund einem Jahr gegründet wurde und zu dieser Demonstration aufgerufen hat.

Während die UnterhändlerInnen in Havanna tagen, wollen die Linken Druck von unten machen. Sie können mit grossem Zuspruch rechnen. Nach Umfragen, die jüngst das Wochenmagazin «Semana» veröffentlicht hat, unterstützen 63 Prozent der Bevölkerung den Friedensdialog. Allerdings sprechen sich auch fast zwei Drittel dagegen aus, dass die Guerilleros straffrei bleiben.

Am Rand der Demonstration zeigen Angehörige von Menschen, die in die Hände des Militärs fielen und seither verschwunden sind, Fotos ihrer Söhne, Töchter oder Ehemänner. Auch für sie ist klar: Es darf kein Abkommen geben, in dem Straffreiheit festgeschrieben wird. «Doch weder die Guerilla noch die Armee werden einen Vertrag unterstützen, der ihre Mitglieder ins Gefängnis bringt», sagt Fajardo. Das ist eine heikle Sache. Immerhin warfen RichterInnen des Internationalen Strafgerichtshof nach einer Voruntersuchung der Farc wie auch den staatlichen Kräften Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor. Fajardo hat auf diese Frage, die bei den Verhandlungen eine zentrale Rolle spielen wird, keine Antwort. Mit Blick auf die Guerilla stellt er jedoch klar: «Auch die Farc muss endlich ihre Fehler eingestehen und für Wiedergutmachung sorgen.»

Neue «Feinde des Friedens»

Nicht nur in Sachen Straffreiheit haben die DialogpartnerInnen gleiche Interessen. Die Guerilla ist durch die militärischen Angriffe während der Amtszeit des ehemaligen Präsidenten Álvaro Uribe (2002–2010) erheblich geschwächt, und Santos, so sieht es Fajardo, «braucht einen erfolgreichen Abschluss der Gespräche, wenn er im nächsten Jahr wiedergewählt werden will». Wohl deshalb stehen entlang der Demonstrationsroute des Bündnisses Marcha Patriótica, dessen Mitgliedern eine Nähe zur Farc nachgesagt wird, Grossleinwände, die den Staatschef zeigen. «Wir alle brauchen den Frieden», ruft er Vorbeiziehenden vom Bildschirm entgegen, und plötzlich scheint es so, als hätten sich die politischen Koordinaten in Kolumbien grundsätzlich verschoben.

Der Feind steht für Santos – zumindest vordergründig – nicht links, sondern im eigenen Lager. Denn sein Vorgänger und Parteifreund Uribe torpediert systematisch die Verhandlungen. Immer wieder polemisiert der rechte Hardliner gegen den Dialog mit «Terroristen» oder prangert fiktive Farc-Anschläge an. Lange Zeit hielt Santos still, schliesslich war er selbst unter Uribe gross geworden. Doch als sein Vorgänger Mitte April über Twitter geheime militärische Informationen darüber veröffentlichte, von wo aus die UnterhändlerInnen der Guerilla aus Kolumbien nach Havanna ausgeflogen werden, platzte dem Staatschef der Kragen. Diese Angaben zu publizieren, sei unverantwortlich, kritisierte Santos. Ausserdem würden «Feinde des Friedens» wie Uribe «Lügen erfinden», um die Verhandlungen zu sabotieren.

Uribe? Padre Alberto Franco ist zurückhaltend, wenn es darum geht, Namen zu nennen. «Auffällig ist aber, dass die Angriffe auf uns zunehmen, wenn wir wichtige Schritte getan haben.» Francos Menschenrechtsorganisation Justicia y Paz (Gerechtigkeit und Frieden) hat ihren Sitz in Bogotá, unweit der Demonstrationsroute. Ihre Mitglieder setzen sich für die Menschen in den vielen Regionen des Landes ein, die unter dem Krieg leiden. So haben sie auch Doña María und ihre Leute unterstützt, als es galt, Las Camelias aufzubauen. Gemeinsam mit ihnen demonstrierten sie in der Hauptstadt. Regelmässig werden die Mitglieder von Justicia y Paz angegriffen, zuletzt am 3. Februar. Unbekannte schossen auf den Wagen von Francos Bewachern – just nachdem der Padre öffentlich das Umfeld Uribes dafür verantwortlich gemacht hatte, dass die Landrückgabe am Curvaradó sabotiert werde. Auch Doña María erhielt damals Drohungen.

Frieden ist auch gut fürs Geschäft

Dass der ehemalige Staatschef nicht nur mit den im Chocó ansässigen Agrarindustriellen, sondern auch mit den kolumbianischen Paramilitärs unter einer Decke steckt, ist längst aktenkundig. Verschiedene Prozesse wie etwa der gegen General Rito Alejo del Río, der 2012 wegen des Mordes an einem Bauern zu 25 Jahren Haft verurteilt worden war, bestätigten das. Dass sich nun aber der Konflikt zwischen Uribe und Santos so zuspitzt, ist auch für Padre Alberto neu. Eine Erklärung hat er dennoch. «Für die Leute um Uribe, der aus den Kreisen der Landoligarchie stammt, war der Krieg immer ein gutes Geschäft», sagt er. Santos setze dagegen auf Modernisierung und auf Projekte wie den Bergbau. Dafür bräuchten multinationale Unternehmen aber sichere Investitionsbedingungen anstelle des Risikos, von der Guerilla angegriffen zu werden. «Das erste Mal braucht das Kapital den Frieden», meint der Padre. «Und das sollten wir nutzen.»

Doña María und ihr Enkel sind inzwischen ans Ufer des Curvaradó zurückgekehrt. Sie sind zufrieden mit dem Ausflug nach Bogotá. Heyler ist trotzdem froh, wieder daheim zu sein. Hier kann er die Felder mit Reis bestellen, mit Freunden Fussball spielen und an neuen Raps arbeiten. «Im Innersten meines Herzens hoffe ich, dass es endlich Frieden gibt», sagt er. Denn vom «Kämpfen, Kämpfen, Kämpfen», wie es einer seiner Songs fordert, hat auch Heyler manchmal einfach genug.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch