Nr. 19/2013 vom 09.05.2013

Wenn die Queen Calypso singt

Das Label Soul Jazz ermöglicht eine musikalische Reise durch die Inselwelt der Karibik. Angereichert mit historischen Kurzfilmen entsteht ein facettenreiches Bild der Inseln und ihrer Beziehung zu Britannien.

Von Fredi Bosshard

Der Calypsosänger Lord Brynner aus Trinidad singt darüber, wie die junge Königin Elizabeth II. in den fünfziger Jahren die britischen Kolonien in der Karibik besuchte. Damals gehörten grosse Teile der Westindischen Inseln noch zum British Empire, standen aber wie Jamaika oder Trinidad und Tobago kurz vor der Unabhängigkeit. Einige von ihnen, darunter Bermuda oder die Cayman Islands, sind immer noch britisches Überseegebiet und zusammen mit dem Offshore-Banking aktuell ins Gerede gekommen.

Lord Brynner, 1937 als Kade Simon geboren, setzt sein Lied fort: Er beschliesst, die Queen in London zu besuchen, und erwischt sie dabei, wie sie heimlich Calypso singt. Der 1958 eingespielte Song «The Queen Sings Calypso» ist ein Ohrwurm, leicht anzüglich, witzig, verspielt und absolut tanzbar.

Das Soul Jazz Label in London hat eine ganze Reihe solcher Trouvaillen wieder zugänglich gemacht und unter dem Titel «Mirror to the Soul – Music, Culture and Identity in the Caribbean 1920–1970» auf CD und Schallplatte veröffentlicht. Die Daten beziehen sich auf die Begleitfilme; musikalisch konzentriert sich die CD auf die Jahre 1954 bis 1977. Die Beispiele stammen aus Kuba, Jamaika, Trinidad, Puerto Rico und aus dem bereits zu Südamerika gerechneten Guyana. Da ist alles dabei: Cha-Cha-Cha, Rumba, Mambo, Reggae, Ska, Rocksteady und natürlich Calypso, der auch als zuverlässiges Mittel galt, um Nachrichten zu verbreiten. Harry Belafonte hatte ihn bereits 1956 mit dem «Banana Boat Song» weltbekannt gemacht.

Filme von Pathé Frères

Der Musik, die kräftig in die Beine fährt, ist eine DVD zur Seite gestellt. Sie versammelt kurze, kaum länger als zwei Minuten dauernde Geschichten aus der Karibik, die zwischen 1920 und 1970 von der britischen Pathé Film gedreht worden sind. Diese nachrichtenartigen Schwarz-Weiss-Beiträge fanden weltweit als Vorfilme Eingang in die Kinos.

Bereits 1896, ein Jahr nachdem Auguste und Louis Lumière ihren Fünfzigsekundenfilm «La Sortie de l’Usine» erstmals gezeigt hatten, gründeten in Paris vier Brüder die Société Pathé Frères und legten den Grundstein für ein erfolgreiches Film- und Musikgeschäft, das innerhalb von zwanzig Jahren zu einem kleinen Imperium anwuchs. Die Lumières hatten sich gewaltig geirrt, als sie das Kino «als Erfindung ohne jede Zukunft» bezeichneten. Ab 1928 lösten vertonte Filme zunehmend den Stummfilm ab, und die rund vier Minuten dauernden Beiträge der Pathé Frères wurden für die Kinos im Zweiwochenrhythmus aktualisiert.

Anfang der dreissiger Jahre gesellten sich unterhaltende und kulturelle Beiträge zu den politischen Nachrichten. Das früheste Beispiel auf der «Mirror to the Soul»-DVD stammt aus Bridgetown, dem Hauptort von Barbados. Der 1920 gedrehte Stummfilm zeigt Frauen, die auf dem Kopf Körbe mit Muscheln und Fischen vom Hafen in die Stadt tragen.

Eindrücklich ist ein ebenfalls auf der DVD festgehaltener Film von 1948, der von der Ankunft des Dampfschiffs SS Empire Windrush in den bei London gelegenen Tilbury Docks berichtet. Auf dem Schiff sind 493 arbeitswillige Menschen aus den Westindischen Inseln angereist: meist gut gekleidete Männer in Anzug und Krawatte, die von England gerufen wurden, um zu helfen, die vom Krieg verwüsteten Städte wieder aufzubauen.

Unter ihnen ist auch der berühmte Calypsosänger Lord Kitchener, der von seinen Kollegen Lord Beginner und Lord Woodbine begleitet wird. Er singt gleich eine A-cappella-Version seines berühmten Songs «London Is the Place for Me» in die Kamera. Auf der CD ist von diesem Song der einige Jahre später eingespielte Tribut von Edmundo Ros and His Rumba Band zu hören, der schon in den vierziger Jahren die LondonerInnen mit Rumba und Samba bekannt machte.

Migration, Tourismus, Rassismus

Die Ankunft der «SS Empire Windrush» markierte auch den Beginn der «multikulturellen» Zeit in Englands Städten. Denn parallel zu – ebenfalls filmisch beworbenen – Flügen an exotische Traumstrände der karibischen Inseln, die auch für die britische Mittelklasse erschwinglich wurden, erstarkte in Britannien der Rassismus. Bald sprach man vom «Jamaican Problem» und bezeichnete die miesen Wohnquartiere der angeworbenen ArbeiterInnen als «Slums of the Empire». 1958 kam es in Notting Hill zu rassistisch motivierten Ausschreitungen, ein Jahr später mietete sich die White Defence League im Herzen des Londoner Quartiers ein. Colin Jordan, ihr Gründer, wettert auf der DVD in einem Interview, das damals nicht gezeigt wurde, gegen seine NachbarInnen und gegen «Mulatto-Britain».

Kurzfilm fügt sich so zu Kurzfilm. Die Kubakrise von 1962, Arbeitsbedingungen auf Bananenplantagen und vieles mehr erhalten auf der «Mirror to the Soul»-DVD Raum.

Übrigens: Zu DVD und CD mit karibischer Musik gibt es noch eine weitere CD mit Songs und Instrumentals, die stark von afrikanischen Trommeltraditionen beeinflusst sind, aber in Kuba, Guadeloupe, Haiti und Belize eingespielt wurden. Diese Beispiele sind eng mit den spirituellen Riten des Voodoo und der Santeria verbunden. Aber das ist eine andere Geschichte.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch