Nr. 19/2013 vom 09.05.2013

Bei null anfangen

Von Anna Wegelin

Was passiert mit uns, wenn wir in die «Röhre» geschoben werden, weil wir möglicherweise unheilbar krank sind? Dies zu untersuchen, ist das Projekt im Roman «Hinter den Augen» von Ulrike Ulrich. Die 44-jährige Schriftstellerin gehört der Zürcher Literaturgruppe Index an und leitet Schreibwerkstätten im Literaturhaus Lenzburg.

Ulrichs Protagonistin Karoline ist Ende dreissig und lebt in einer Partnerschaft. Ihr Brot verdient sie als Korrektorin eines Lebensmittelmagazins. Während sie einer Magnetresonanztomografie unterzogen wird, leuchtet der Text ihren Gemütszustand aus, ein Wirrwarr intensiver Gedanken und Gefühle an der Grenze zum Manischen. Aber was soll eine tun, wenn sie wie vor der Giftspritze festgeschnallt wird, sich ja nicht bewegen soll, sondern nur liegen und nichts tun, bis der Körper durchgescannt ist?

Konfrontiert mit der eigenen Endlichkeit, werden für Karoline zwei prägende Erfahrungen aus der Vergangenheit noch belastender: der (Frei-)Tod eines Jugendfreunds, der unglücklich in sie verliebt war; und ihre Liebesbeziehung zum Ehemann ihrer besten Freundin. Der innere Monolog, eine Art Ich-Protokoll, schreibt sich bis in Karos Kindheit zurück, mit einem Vater, den die giftige Arbeit krankmachte, und einer Mutter, die versuchte, die Kleinfamilie zusammenzuhalten. Die kurzen Kapitel sind von einem Bewusstseinsstrom durchzogen, der die Frage nach Schuld und Schicksal aufwirft. Treibende Kraft ist Karolines Sehnsucht, sich und ihr Leben neu zu erschreiben, bei null anzufangen.

Das weibliche Ich geht zwar hart mit sich ins Gericht. Doch die innere Spannung, Hasenherz versus Rebellin, bleibt. Sie zeigt sich in Karolines Hang zum Symbiotischen in der Liebe einerseits und ihrem kompromisslosen (Gender-)Gerechtigkeitssinn anderseits. Am Ende bleibt die freie Sicht aufs Leben immerhin eine Möglichkeit aus dem «Röhrendasein» hinaus.

Lesung und Gespräch im Literaturhaus Lenzburg: Mittwoch, 29. Mai 2013, 19.15 Uhr.

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