Nr. 19/2013 vom 09.05.2013

Daten besser stehlen

Ruedi Widmer über die Zukunft einer neuen Stahlindustrie.

Von Ruedi Widmer

Dem Nachrichtendienst des Bundes wurde eine Festplatte gestohlen. Der Dieb, ein Angestellter des Dienstes, wurde erkannt und verhaftet.

Am 11. April hat das Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) einen Bericht zu diesem Vorfall veröffentlicht. Das VBS spricht von einem «verhinderten Datenabfluss». Ich würde es eher eine verpasste Chance nennen.

Sehen wir die Fakten an. Datendiebe schaffen Arbeitsplätze: Informatikerinnen, Juristen, Journalisten, Polizistinnen, Bundesräte; die sterbende CD-Industrie ist von der sich konstituierenden Datendiebstahlindustrie abhängig. Stahlindustrie! In einer Zeit, in der am Sinn des reinen Dienstleistungslands gezweifelt wird, ist es immens wichtig, neue Industrien anzusiedeln und zu fördern, die Handfestes machen. Diebstahl ist der Kruppstahl unserer Zeit. Schwerindustrie für schwere Brüder.

Die Linke darf die überall entstehenden Arbeitsplätze nicht gefährden. Es darf keinesfalls geschehen, dass Datendiebstahlkonzerne wegen behördlicher Behinderung ins Ausland ziehen. Für den modernen Datendiebstahlingenieur ist die Gruppe für eine Schweiz ohne Armee Gift. Die Armee ist der Rohstoff für den Datendiebstahl. Ebenso ist er von möglichst vielen Skandalen in Banken abhängig. Daten sind erst interessant, wenn sie gestohlen werden wollen.

Junge Leute sollten den Beruf des Datendiebstahlingenieurs erlernen, doch bieten weder die Kantone noch die Firmen Ausbildungen an. Dabei wäre es im Interesse sowohl des Bestohlenen wie des Stehlenden, einen gewissen Qualitätsstandard halten zu können. Könnte der Staat diese Leute ausbilden, würde der Diebstahl endlich aus der Illegalität geholt und überall anerkannt werden.

Auch die Firmen können die Beziehung zu ihrem Datendieb verbessern: sei es durch bessere Hervorhebung skandalöser firmeninterner Daten, z. B. durch zusätzliche Erläuterungen oder durch den Einsatz einer Schmuckfarbe (Rot, Blau, Grün, es gibt noch andere mehr), oder sei es auch nur durch die Sensibilisierung der Angestellten, mehr darauf zu achten, dass Türen nicht abgeschlossen sind oder Codewörter nicht zu kompliziert.

Viele Firmen haben Datendiebe unter Vertrag, wissen es aber nicht. Dadurch geht viel Manpower verloren. Hier appelliere ich auch an die Datendiebe selber: Zeigt euch, seid stolz auf euren Beruf und steht dazu. Lasst euch Visitenkarten drucken: Konrad Schmöriker, Datendiebstahlbeauftragter des VBS. Gründet einen Berufsverband, einen Branchenverband.

Die Daten werden euch zufliegen, übersichtlich gestaltet, problematische Zahlen werden in dreidimensionalen Kuchengrafiken dargestellt. Alles fix und fertig von den Angestellten der Firma vorbereitet; ihr müsst es nur noch auf CDs brennen. Hier beginnt womöglich das Ende aller Euphorie: Festplatten und CDs, das klingt voll nach Nineties. Das lässt die junge Generation kalt. Solange Daten nicht via Chat, Twitter, iCloud, MP3 oder SMS gestohlen werden können, wird diese Vision einer aus allen Schloten rauchenden Datendiebstahlindustrie leider eine Vision bleiben.

Ruedi Widmer ist Cartoonist 
und lebt in Winterthur.

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