Nr. 20/2013 vom 16.05.2013

Was hat das Attentat von Boston mit dem Nordkaukasus zu tun?

Als Leiterin des Moskauer Büros der linken Rosa-Luxemburg-Stiftung bereist Tiina Fahrni auch den Nordkaukasus und Zentralasien. Und erlebt, wie dort Identitäten konstruiert werden.

Von Thomas Bürgisser

WOZ: Frau Fahrni, Sie kehren eben von einer Dienstreise in den Nordkaukasus zurück. Wie erlebten Sie Russlands «unruhigen Süden»?
Tiina Fahrni: Die Bergregion zwischen Stawropol und Naltschik, die ich bereiste, machte auf mich mit ihren Heilquellen und Kurorten eigentlich einen sehr ruhigen und idyllischen Eindruck. Ich wurde zwar vor Unruhen gewarnt, zum Teil erschien mir das jedoch übertrieben. Persönlich sind mir wenig Unterschiede zu anderen Landesteilen aufgefallen. Meine russische Kollegin hat allerdings überall «typisch Kaukasisches» festgestellt. Natürlich ist die Region ein Konglomerat verschiedener Religionen und Sprachgruppen. Vieles erscheint jedoch auch konstruiert.

Wie meinen Sie das?
Die hiesigen Gesellschaften erfuhren in den letzten Jahren eine starke Retraditionalisierung von Brauchtum, Familienstrukturen und Geschlechterrollen. Adygejer, Kabardiner, Balkaren, Karatschajewer, Dagestaner, Inguschen, Osseten, Russen und Tschetschenen betonen vermehrt ihre jeweils eigene Geschichte und ethnische Identität. Jede Alltagshandlung wird einem hier mit «kaukasischen Eigenheiten» wie Stolz, Gastfreundschaft oder Traditionsbewusstsein erklärt, womit man sich auch viel Denkleistung erspart. Diese Vielfalt, heisst es von offizieller Seite, sei Kennzeichen des gegenseitigen Respekts unter den Kaukasusvölkern.

Welches sind die Probleme und Konflikte in der Region?
Im Gegensatz zum «traditionellen Islam», der vom Staat – ebenso wie die orthodoxe Kirche – als Träger nationaler Traditionen gefördert wird, steht die Radikalisierung junger Männer durch eine aggressive Verbreitung des Salafismus. Die Bevölkerung befürchtet in diesem Zusammenhang auch neuerliche Unruhen zwischen den verschiedenen Volksgruppen. Zudem sind Menschen aus dem Nordkaukasus und insbesondere aus Tschetschenien in anderen Teilen Russlands starken Vorurteilen ausgesetzt und werden auch von den Behörden diskriminiert. Das Wissen um den «anderen» ist klein. Die Fremdenfeindlichkeit hat sich in Russland in den letzten beiden Jahrzehnten massiv verschärft.

Im Zusammenhang mit dem Attentat in Boston letzten Monat geriet der Nordkaukasus in den Fokus der Medien.
Vor allem im Westen wurde das Negativbild über Tschetschenien verstärkt. Auch auf die Weiterführung eines interethnischen Dialogs vor Ort und den Abbau von Vorurteilen wirkt sich das nachteilig aus. Ich deute das Verhalten der beiden Attentäter jedoch eher im Kontext spezifischer Probleme der US-Gesellschaft und ihrer dortigen Sozialisierung. Anhand ihrer Herkunft aus dem Kaukasus oder aus Zentralasien irgendwelche Schlüsse zu ziehen, ist kontraproduktiv.

Sie waren letztes Jahr auch im zentralasiatischen Tadschikistan. Was ist Ihnen dort aufgefallen?
Die ehemalige Sowjetrepublik Tadschikistan ist ein ländlich geprägtes Gebirgsland. Auch in den wenigen urbanen Zentren hinterlässt die Infrastruktur einen stark vernachlässigten Eindruck; man sieht viel Armut. In der eher tristen Hauptstadt Duschanbe dominieren die Prunkbauten von Präsident Emomalii Rahmon, der seit der Unabhängigkeit autoritär über das Land herrscht. Grossmächte wie die USA, EU und China verfolgen eigene militärische oder wirtschaftliche Interessen in der strategisch wichtigen Region. Von Russland ist das Land besonders durch die massive Arbeitsmigration abhängig: Geldtransfers von «Gastarbeitern» machen fast die Hälfte des Bruttoinlandsprodukts der tadschikischen Volkswirtschaft aus. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion hielt hier ein Raubtierkapitalismus Einzug, in dem sich verschiedene Clans bereicherten. Das Strom- und Versorgungsnetz, Systeme sozialer Sicherheit, ein gut funktionierendes Bildungssystem und der überregionale Austausch kollabierten.

Aber zu Sowjetzeiten war doch kaum alles besser.
Für den Grossteil der Bevölkerung in Zentralasien hat die Unabhängigkeit jedenfalls nicht zu einer Verbesserung ihrer Lebensumstände geführt, im Gegenteil. Unsere Stiftung versucht einen bescheidenen Beitrag zu einer zwischenstaatlichen Zusammenarbeit jenseits von Partikularinteressen zu leisten. Übergreifende Bereiche wie Energie, Nahrungsmittelsouveränität, Sicherheit oder Bildung betreffen den gesamten sowjetisch geprägten zentralasiatischen Raum.

Aber gibt es in Tadschikistan nicht auch Abgrenzungstendenzen, etwa durch die Betonung nationaler Eigenheiten?
Ja, auch hier lässt sich ein Rückgriff auf traditionelle Rollenbilder und Identitäten beobachten. Bis heute ist Geschichtsschreibung in Russland wie im gesamten postsowjetischen Raum ein Instrument der Machthabenden, um ein ihnen genehmes Narrativ zu konstruieren, das für alle verbindlich ist. Es ist uns deshalb gerade in multiethnischen Gebieten ein grosses Anliegen, das Bewusstsein darüber zu fördern, dass jede historische Darstellung von einem politischen Willen geprägt ist. Wir wollen damit Diskussionen über Geschichtsbilder anregen.

Tiina Fahrni (36) betreut als Leiterin des
Moskauer Regionalbüros der Rosa-Luxemburg-Stiftung Projekte in ganz Russland sowie in den ehemaligen Sowjetrepubliken im Kaukasus und in Zentralasien.

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