Nr. 20/2013 vom 16.05.2013

«Ich war halt immer ein Schwieriger»

Er war Rebell, Querkopf und ein globaler Aktivist: Gino Baumann, der nun im Alter von 87 Jahren in Costa Rica verstorben ist, war ein aufrechter Schweizer im besten Sinne.

Von Ralph Hug

Unermüdlich gegen das Vergessen und für eine bessere Welt: Gino Baumann (Mitte) 2006 an einem Treffen ehemaliger Spanienkämpfer in San Jose, Costa Rica. Foto: Privatarchiv

«Es scheint mir beschämend, dass wir heute das einzige Land sind, das diese Amnestie nicht gewährt hat.» Das schrieb Gino Baumann im Jahr 2003 in einem Brief, den er aus dem Arbeiterstrandbad Tennwil abschickte. Dort am Hallwilersee pflegte er jeweils auf dem Campingplatz zu übernachten, wenn er in der Schweiz zu Besuch war. Der Brief ging an den damaligen SP-Nationalrat Paul Rechsteiner. Baumanns Anliegen: Die Schweizer SpanienkämpferInnen müssen endlich rehabilitiert werden.

Dieses Thema lag Gino Baumann besonders am Herzen. Schon als Kind war er damit konfrontiert: Sein Vater, der SP-Oberrichter Fritz Baumann (1894–1992), war einer der linken Anwälte, die seinerzeit Spanienkämpfer vor dem Militärgericht verteidigten. Mancher verkehrte zu Hause bei ihnen in Aarau. Später schrieb Gino Baumann, dessen Vorname eigentlich Gerold war, ein Buch über die Beteiligung von lateinamerikanischen Freiwilligen am Kampf gegen Franco. Seine Bibliothek zum Thema umfasste über 2000 Bände, und als er älter wurde, vermachte er sie einer spanischen Universität. Baumann war der Erste, der in den siebziger Jahren systematische Namenslisten der Schweizer Freiwilligen erstellte und lange vor der historischen Forschung Pionierarbeit leistete.

Treffen mit dem Trotzki-Mörder

Wo immer auf der Welt Baumann war, streifte er durch die Buchhandlungen und Antiquariate, auch wenn er die Sprache nicht verstand. Auf Büchersuche in Moskau wurde er zu einem Treff von ExilspanierInnen gewiesen, wo er plötzlich dem Trotzki-Mörder Ramón Mercader gegenüberstand: «Für den kleinsten Bruchteil einer Sekunde trafen sich unsere Augen. Er merkte, dass ich wusste, wer er war», schildert er die ominöse Begegnung. Am Tisch sass auch die Kommunistin Dolores Ibárruri, besser bekannt als «La Pasionaria». In seinem Leben traf Baumann allerhand Aktivistinnen, Gewerkschafter, Idealistinnen und Weltverbesserer, unter ihnen den tragischen Jim Jones, der 1978 mit seinen AnhängerInnen in Guyana Kollektivsuizid beging. Baumann hatte ihn in den USA als charismatischen Volksprediger und Vorkämpfer für die Bürgerrechte kennengelernt, bevor er dann dem religiösen Wahn anheimfiel.

Gino Baumann erlebte in den fünfziger und sechziger Jahren den Kampf gegen Rassismus und Segregation in den USA. Er erinnert sich an ein Konzert mit Louis Armstrong in Indianapolis, wo er in Begleitung von Schwarzen nicht eingelassen wurde: «This is a whites’ concert only!» Den Grossteil seines Lebens verbrachte Baumann als Entwicklungshelfer, zuerst mit den QuäkerInnen in Mexiko, dann mit dem von Präsident Kennedy gegründeten Peace Corps in Peru und Bolivien, aus dem er 1971 hinausgeworfen wurde. Schliesslich heuerte er bei der Entwicklungszusammenarbeit des Bundes (Deza) an und war während des Bürgerkriegs für Projekte in El Salvador tätig. Auch hier hatte Baumann seine eigenen Ansichten. Das brachte ihn regelmässig in Konflikt mit Vorgesetzten. «Ich war halt ein Schwieriger», charakterisierte er sich in späteren Jahren selbst.

Fünfmal sass Baumann im Gefängnis. Zweimal wegen Jugendsünden, später wegen der Beteiligung an Studentenprotesten in Mexiko-Stadt, aber auch im postrevolutionären Nicaragua, wo sich seine Festnahme allerdings als Irrtum herausstellte. In El Salvador steckte ihn die Polizei unter dem Vorwurf hinter Gitter, Schweizer Hilfsgelder missbraucht zu haben, um Waffen für die Guerilla zu kaufen. «Das war nicht der Fall, mit 63 kurz vor der Pensionierung tut man so etwas nicht», hielt Baumann rückblickend fest. Seine Nähe zu den Guerilleros wollte er allerdings nicht abstreiten. Als Baumann in den achtziger Jahren in Nicaragua war, hatte er das Gefühl, die Geschichte wiederhole sich: «Vor fünfzig Jahren gingen die Jungen nach Spanien, heute nach Mittelamerika.» Die meisten rückten mit Pickel und Schaufel an, aber es gab auch andere. Gino Baumann lernte den Sprengspezialisten der Sandinisten kennen, der Landminen und Molotowcocktails fabrizierte. Es sei ein junger Schweizer gewesen, der selbst bei einer Explosion verletzt worden sei und später Medizin studiert haben soll.

Ruth Dreifuss als Trauzeugin

Es scheint, dass Gino Baumann immer dort auf der Welt mitmischte, wo gerade etwas los war. Aber es gab für den rastlosen Aktivisten, der er auch nach seiner Pensionierung blieb, doch auch Stunden häuslichen Glücks. Er lebte mit seiner Familie in Costa Rica auf einer Farm, wo er alle mit offenen Armen empfing. Es galt sein Motto: «Alle sind die ersten zwei Tage meine Gäste. Ab dem dritten müssen sie arbeiten.» Trauzeugin anlässlich seiner Hochzeit mit seiner indianischstämmigen Frau Sara war Ruth Dreifuss, mit der er seit langem befreundet war.

Vor wenigen Jahren war Gino Baumann das letzte Mal bei seinen Verwandten im Aargau zu Besuch. Er kam im Rollstuhl und konnte sich wegen eines Schlaganfalls nur noch rudimentär ausdrücken. Dennoch schrieb er massenhaft Briefe, die immer unverständlicher wurden, klebte sie mit der Schere zusammen, stopfte die Umschläge mit Flyern und Prospekten voll, als wolle er jede erhaltene Information sofort weitergeben, auf dass der globale Fluss linken Wissens niemals versiege. So war Gino Baumann, ein Unermüdlicher bis zum letzten Atemzug. Am 14. März 2013 starb er in Costa Rica.

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