Nr. 20/2013 vom 16.05.2013

Im Frühtau zu Berge

Susi Stühlinger über Bergprobleme.

Von Susi Stühlinger

Der Satz geisterte seit Tagen in seinem Kopf herum: «Kann man wirklich Leuten verbieten zu klettern, wenn Sherpas Seile anbringen? Zerstört das nicht die Freiheit in den Bergen, nach der wir alle hier in erster Linie suchen?» Das hatte Bergsteiger Jon Griffith, Begleiter von Ueli Steck, nach der glücklosen Expedition auf den Everest verlauten lassen.

Ueli, steck deine Nase nicht in Dinge, die dich nichts angehen, dachte der Bundespräsident. Er hatte andere Probleme, und der anstehende Besuch bei der Schweizer Garde vermochte seine Stimmung kaum zu heben. Nicht nur dass seine Armee in unerträglicher Weise zurückgestutzt werden sollte – wie schön waren die Zeiten gewesen, als der Rollschrank Erik das einzige schrottreife Schwedenprodukt in seinem Departement war, als man nigerianische Drogendealer ohne Nörgelei fremder Richter loswerden konnte, als sich der Begriff SIG noch mit einer Sauer P220 verband und nicht mit dem Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund. Jetzt wollten die, dass er sich entschuldigte, für eine Rede, die er nicht mal selber geschrieben hatte. Er hatte am Wef, als sie ihm zugestellt wurde, beileibe Wichtigeres zu tun, als dieses Holocaustzeugs zu studieren. Die Olympiaabstimmung hatte angestanden, und er war vollauf damit beschäftigt, im Hotel Belvédère Networking zu betreiben – zu wenig, wie sich später herausstellte.

Olympia. Berge. Da war er wieder, der Gedanke. Was der Bergsteiger gesagt hatte, traf ja auch auf ihn zu: Kann man denn wirklich verbieten, mal etwas zu vergessen, auch wenn der linke Medienmainstream überall Stolperseile anbringt? Zerstört das nicht die Freiheit in der Schweiz, nach der alle und besonders er in erster Linie suchten? Ja, auf der Spitze war es einsam, und es wimmelte von Feinden. Nun gut, er würde bei den Juden zu Kreuze kriechen, etwas Nettes über den wahrhaft regen Austausch zwischen dem VBS und der israelischen Armee sagen, dann wäre die Sache gegessen. Die Ausfertigung des entsprechenden Texts hatte er bereits beim Departementssekretär in Auftrag gegeben.

Doch dann war da noch das mit diesem Abstimmungskampf. Abgesehen davon, dass die Medien sich auf irgendeine Umfrage beriefen, gemäss der er, Ueli Maurer, angeblich vom Volk nicht gewählt worden wäre, war der Slogan vielleicht doch nicht so eine gute Idee gewesen. Da sassen sie nun, die Immigranten, die Junkies und Alkoholiker, in den Bahnhöfen auf Bänken, über denen in grossen Lettern die Parole «Dem Volk vertrauen!» prangte. Jeder Bürger, der bei Sinnen war, musste doch zum Schluss kommen, dass es gefährlich war, wenn ebendiese Leute den Bundesrat wählen dürften. Vertraute er dem Volk? Er wusste es nicht.

Ueli Steck indes vertraute nur auf seine Instinkte. Er hatte den Ausländern auf dem Everest nie über den Weg getraut, diesen aufsässigen Sherpas, die den Berg am liebsten allein für ihre religiösen Zwecke beansprucht hätten. Nicht zu klettern, wenn sie die Seile befestigten, ja, das wäre wirklich die Zerstörung der Freiheit. Das wäre fast so, sinnierte Ueli Steck, wie wenn jemand dem Bundespräsidenten vorschreiben könnte, was er zu sagen hat.

Susi Stühlinger hat Höhenangst 
und weiss, dass Freiheit auch die des Andersdenkenden ist.

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