Nr. 21/2013 vom 23.05.2013

Wie viele Gruppen braucht es für Gruppensex?

Zweimal Aufklärung: einmal für Jugendliche, einmal für MittelstufenschülerInnen. «Make Love» und «DAS machen?» überzeugen in vielen Punkten. Einige Einwände bleiben trotzdem.

Von Bettina Dyttrich

Viel Lob gab es letztes Jahr für das neue Aufklärungsbuch «Make Love» von Ann-Marlene Henning und Tina Bremer-Olszewski. Schon diverse Auflagen sind verkauft, das Buch ist nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis.

«Make Love» macht vieles richtig. Es beginnt nicht mit trockener Anatomiekunde, sondern dort, wo fast alle Jugendlichen ihre ersten Erfahrungen mit Sex machen: beim Onanieren. Um Anatomie geht es später auch, genauso wie um Verhütung und Geschlechtskrankheiten oder das «erste Mal» und was danach kommt. Neu für ein Jugendbuch, aber sehr begrüssenswert sind die ausführlichen «technischen» Sextipps. Hier gelingt den Autorinnen etwas ganz Wichtiges: Sie zeigen, dass es mit Übung und Experimentierfreude mehr Spass macht. Gleichzeitig relativieren sie übertriebene, von Pornos beeinflusste Erwartungen. Genauso erteilen sie dem Gruppendruck unter Jugendlichen eine Absage: «Personen nach ihren sexuellen Erfahrungen zu beurteilen, ist einfach bescheuert. Denn Sex soll in erster Linie für euch sein, euch guttun und Spass bringen.»

Nicht alle angesprochen

Diese Aufforderung, sich selbst Sorge zu tragen, zieht sich durch das ganze Buch. Die Autorinnen finden eine offene, nie verklemmte Sprache: «Weil wir auch finden, dass es mit der Scham ein Ende haben sollte, nennen wir die Schamlippen in diesem Buch einfach Geschlechtslippen.»

Auch die Fotos von Heji Shin sind gelungen: Explizit und trotzdem behutsam zeigen sie Sex als etwas gleichzeitig Alltägliches und Geheimnisvolles. Ganz selbstverständlich stehen zwischen Heterobildern auch Fotos von Schwulen und Lesben beim Sex.

Beim Lesen zeigt sich allerdings: Für den Text gilt diese Selbstverständlichkeit nicht. Es gibt zwar ein kurzes Kapitel über Homosexualität, aber die ganzen Sextipps sind für Heterojugendliche geschrieben. Da das Buch die LeserInnen oft in der zweiten Person anspricht, fällt das umso mehr auf.

Was auch auffällt: Wenn es um die Unterschiede zwischen Männern und Frauen geht, ist «Make Love» ziemlich widersprüchlich. Der berühmte «kleine Unterschied» sei «viel kleiner, als alle denken», schreiben die Autorinnen zwar. Trotzdem ordnen sie fröhlich Klischees zu («typisch männliche Eigenschaften wie Aggressivität oder Zielorientiertheit»). Auch umstrittene Behauptungen wie die, dass das räumliche Denken den Hormonschwankungen der Frau unterliege, werden unkritisch erwähnt. Da wundert es nicht, dass die Autorinnen in der Literaturliste auch biologistische Bücher wie «Das weibliche Gehirn» von Louann Brizendine empfehlen.

Sehr problematisch sind die Informationen über Transgender. Dieses Thema ist den Autorinnen fremd, das merkt man. «Der Begriff Transsexualität beschreibt laut Wissenschaft eine Geschlechtsidentitätsstörung», schreiben sie – ohne die wachsende Kritik an dieser Pathologisierung zu erwähnen. Und ganz schön abschreckend heisst es: «Wer eine Geschlechtsanpassung vornehmen will, braucht Kraft. Denn man muss über Jahre Untersuchungen im Krankenhaus über sich ergehen lassen, unendliche Fragebögen zum eigenen Leben, zur Sexualität ausfüllen und ist Behörden und Gesundheitssystem ausgeliefert.» Welche verheerenden Folgen solche Sätze für Transjugendliche haben können, ist den Autorinnen offenbar nicht bewusst. Unerwähnt bleibt, dass lange nicht alle Transmenschen Operationen wollen, dass es auch andere Möglichkeiten gibt, glücklich zu werden.

Recht auf Grenzen

«DAS machen?» richtet sich an jene, die für «Make Love» noch etwas zu jung sind. Das von Lilly Axster geschriebene und von Christine Aebi gestaltete Bilderbuch begleitet eine Mittelstufenklasse durch ihre Projektwoche zum Thema Sexualität. Ein Alter, in dem das berühmte «erste Mal» zwar noch in weiter Ferne scheint, es aber schon Verliebtheiten gibt und sexuelles Vokabular ausprobiert wird – und sich viele Fragen stellen. Solche, wie sie im Buch auf Zetteln stehen: Wenn zwei miteinander schlafen, schlafen die wirklich? Wie viele Gruppen braucht es für Gruppensex? Was ist ein Coitus interruptus? In Text und Bild fängt das Buch Blödeleien, Wortspiele und Kritzeleien von Vor- und Frühpubertierenden ein.

«DAS machen?» hat den Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis gewonnen. Zu Recht. Es ist ein wunderschön gestaltetes und emanzipatorisches Buch geworden: Da heissen Kinder selbstverständlich auch Zoltan oder Gülfemin, haben verschiedene Hautfarben und sind nicht immer als Mädchen oder Junge erkennbar. Da kann auch mal der Junge die Prinzessin, das Mädchen der Cowboy sein. Ganz nebenbei betont das Buch das Recht der Kinder, Grenzen zu setzen: Jonas muss nicht erklären, warum er für sich eine Haut aus Wolle gezeichnet hat. Und als man sich gegenseitig bemalt und zwei Kinder nicht berührt werden wollen, wird das selbstverständlich respektiert.

Nur an zwei Stellen bleiben Einwände: «Ein paar Mal sind wir in Gruppen geteilt worden: Alle, die wissen wollten, wie Kinder gemacht werden, und alle, die das nicht interessiert», heisst es einmal. Ja, es ist begrüssenswert, dass Aufklärungsunterricht nicht nur das Kindermachen ins Zentrum stellt und dass man nicht mehr selbstverständlich davon ausgeht, dass alle SchülerInnen später Kinder haben. Trotzdem sollten alle darüber Bescheid wissen, wie Kinder entstehen.

Ein zweiter Einwand: «Wir haben Bilder von nackten Leuten, die Akt heissen, angeschaut. (…) Mando hat von sich drei Bilder gemacht, einen halben Akt, eine Collage und einen ganzen Akt. Alle drei mit Rock.» Es wäre schön, wenn viele Kinder Erotik auf so eine behutsame Art entdecken könnten wie Mando. Aber die Schule ist wohl kaum der richtige Ort, um mit Nacktbildern von Kindern zu basteln.

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