Nr. 22/2013 vom 30.05.2013

Unermüdlich für die Sans-Papiers

Pierre-Alain Niklaus hat die erste Anlaufstelle für Sans-Papiers in der Deutschschweiz aufgebaut. Der WOZ erklärt er, warum er sich für eine Regelung des Status von Menschen ohne Aufenthaltsbewilligung einsetzt.

Von Anna Wegelin

Pierre-Alain Niklaus lebt mit seiner Familie beim Matthäusplatz in Kleinbasel. Er hat kein Problem damit, in einem «Multikulti»-Quartier zu wohnen. «Dass nicht alle Deutsch sprechen? So what?», kommentiert er einen Artikel zum Thema, der Anfang Februar in der «Tageswoche» erschienen ist. Sein Bub habe noch keinen Schaden genommen, weil rund um ihn Albanisch und andere Sprachen gesprochen werden, sagt Niklaus. «Viele Namen der Kinder in seinem Chindsgi habe ich noch nie gehört.»

Wenige Tage zuvor hat der Baselstädtische Grosse Rat einen SP-Vorstoss knapp abgelehnt, wonach keine Fremdsprache in den einzelnen Primarschulklassen mit mehr als dreissig Prozent vertreten sein dürfte und mindestens dreissig Prozent der SchülerInnen Deutsch sprechen sollten. «Überzeichnet» sei die Debatte gewesen, stört sich Niklaus an Medienberichten, die wieder mal das «Problemfeld Schule» hochgeschaukelt hätten.

Pierre-Alain Niklaus hat Erdwissenschaften und Sozialarbeit studiert. Er arbeitet in der gemeinnützigen Nachbarschaftshilfe Nachbar Net in Basel. Niklaus und seine Lebenspartnerin teilen sich Erwerbs- und Hausarbeit sowie die Betreuung der vier und sechs Jahre alten Kinder.

Niklaus ist ein unauffälliger Typ. Doch was er seit über zehn Jahren mit anderen für die Rechte und Würde von Menschen ohne Aufenthalts- und Arbeitsbewilligung leistet, ist ausserordentlich: Er hat in Basel die allererste Anlaufstelle für Sans-Papiers in der Deutschschweiz aufgebaut, sie von der Eröffnung im Herbst 2002 bis ins Januar 2010 geleitet und ist heute Mitglied in deren Vorstand. Er hat eine der ersten Studien zu Sans-Papiers in der Deutschschweiz verfasst («Leben und Arbeiten im Schatten», 2004) und ist Koherausgeber des Buchs «Zukunft Schwarzarbeit?» über jugendliche Sans-Papiers in der Schweiz (2007). Pierre-Alain Niklaus hat ausserdem die Kampagne «Kein Kind ist illegal» wesentlich mit angestossen.

«Keine Hausarbeiterin ist illegal»

In der Schweiz leben 70 000  bis 300 000  Sans-Papiers. Niklaus befasst sich vor allem mit den Erwerbstätigen unter ihnen. Aktuell geht es ihm um den wohl am wenigsten sichtbaren, tendenziell wachsenden Wirtschaftssektor: die bezahlte Hausarbeit bei Privaten. In der Schweiz wird in 400 000  Haushalten gegen Bezahlung gearbeitet, in einem Viertel dieser Haushalte sind Sans-Papiers tätig. Sie putzen, pflegen, hüten und kochen. Um ihre Arbeits- und Lebensbedingungen zu verbessern, haben über dreissig Organisationen am 13. März die nationale Kampagne «Keine Hausarbeiterin ist illegal» lanciert; Niklaus ist mit von der Partie.

Die Menschen dahinter bringt er in seinem Buch «Nicht gerufen und doch gefragt» näher. Im Bericht wolle er «versteckte Wirklichkeit erfahrbar und verständlich» machen, schreibt Niklaus. Er hat dafür zwischen 2010 und 2012 zehn ArbeitgeberInnen und sieben MigrantInnen, die irregulär in Haushalten arbeiten, interviewt. Er dokumentiert die «intensiven Erfahrungen», die er während eines Jahrzehnts mit Betroffenen, Behörden und Solidarischen gemacht hat. Er rekapituliert die wichtigsten Entwicklungen der hiesigen Sans-Papiers-Bewegung, die gemäss Niklaus am 25. April 2001 mit einem Kirchenasyl in Lausanne für Familien aus dem Kosovo begann. «Auf einen Schlag bekamen die Unsichtbaren ein Gesicht und eine Stimme», erzählt er: «Das hatte eine unglaubliche Sogwirkung. Wir mussten die Chance nutzen, wir konnten zum ersten Mal agieren.»

Sein politisches Bewusstsein war damals bereits erwacht. Die bürokratische und kaltschnäuzige Art der Behörden mit den tamilischen Flüchtlingen, die er während seines Zivildiensteinsatzes bei der Freizeitaktion für Asylsuchende Basel miterlebte, hätten in Niklaus «eine Revolte ausgelöst», meint er rückblickend. «Ich habe kein Verständnis für eine Gesellschaft, die sich gegen aussen abschottet», begründet er sein Einstehen für eine offene, solidarische Schweiz.

Blick nach Spanien

Die Sans-Papiers-Bewegung habe sicher erreicht, dass das Thema heute auf der Tagesordnung stehe. Es gebe auch beim Staat mehr Verständnis für die Betroffenen, und «brutalste Repression», wie sie den zwei ecuadorianischen Schwestern widerfuhr, die trotz Protesten auf der Strasse im Spätherbst 2004 ausgeschafft wurden, sei hoffentlich Vergangenheit. «Die Haltung insgesamt ist pragmatischer geworden», fasst Niklaus zusammen.

In seinem Buch beschreibt Niklaus auch Lösungen aus anderen Ländern, darunter die kollektive Regularisierung samt flankierender Massnahmen in Spanien. Anders in der Schweiz: Mit direktdemokratischen Mitteln allein werde sich die Situation nicht verbessern, sagt er: «Es müssen zusätzlich andere Instrumente des Widerstands organisiert werden.» Und die Solidarischen müssten gemeinsame Sache mit den Betroffenen machen. Diese seien gar nicht so passiv, wie gemeinhin angenommen werde: «Sans-Papiers sind denkende und handelnde Subjekte mit ihren eigenen Überlebensstrategien.»

«Keine Hausarbeiterin ist illegal»: www.khii.ch

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