Nr. 23/2013 vom 06.06.2013

Harter Brocken

Von Florian Vetsch

Nach dieser Lektüre kann man einen Doppelten gebrauchen. Dieses Buch erschüttert zutiefst. Und es braucht nur wenige Seiten, um seine LeserInnen in Bann zu ziehen, in einen Lesesog, der bis zum Schluss ungebrochen anhält.

Annette Lorenz hat Gregory Mcdonalds Roman «The Brave» («der Tapfere, der Mutige, der indianische Krieger») aus dem US-Amerikanischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen; dabei hat sie mit sicherer Hand die spannungsgeladene Lakonie des Originals getroffen. Der Roman erzählt die Geschichte von Rafael, genauer: die seiner letzten Tage. Rafael, indianischer Abstammung, 28-jährig, dem Alkohol von Kindesbeinen an verfallen, praktisch illiterat, lebt mit seiner jungen Familie am Rand der illegalen, völlig abgehalfterten Wohnwagensiedlung Morgantown im Mittleren Westen der USA. Seine Chance, die Seinen zu ernähren, ist gleich null.

Aus dieser Perspektivlosigkeit unterschreibt er in einer Lagerhalle in der nahen Stadt einen obskuren Vertrag. Dieser verpflichtet ihn für 30 000  Dollar dazu, sich in einem Snuff-Movie vor laufenden Kameras auf grausame Weise umbringen zu lassen; Vorschuss: 200 Dollar. Damit kauft Rafael Geschenke für seine Frau Rita und die drei Kinder sowie einen riesigen Truthahn, den er und Rita mit den NachbarInnen teilen.

Durch solche menschlichen Gesten fällt etwas Licht auf das sinistre Gemälde, aber auch durch Figuren wie den Barkeeper Freedo, einen loyalen Busfahrer und den geistlichen Vater Stratton. Und dann öffnet sich in der Nacht vor dem tödlichen Dreh noch eine weitere Dimension: Rafael zieht sich an den Fluss zurück, bleibt die ganze Nacht wach und vollzieht ein Feuer-Wasser-Erde-Ritual. Eine mentale Vorbereitung auf die Stunde der Marter? Eine Reinigung? Symbolische Antizipation seines Begräbnisses? Oder all dies zusammen? Auf jeden Fall zeichnet das zweitletzte Kapitel eine spirituelle Dimension aus, die dem erschreckend authentischen Roman eine zusätzliche Tiefe verleiht.

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