Nr. 24/2013 vom 13.06.2013

Das Verrückte ist selbstverständlich

Von Michael Saager

Obwohl es in seiner fünfköpfigen Familie reichlich turbulent zuging und er unter 1500 PatientInnen des Landeskrankenhauses für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Schleswig aufwuchs – verrückt geworden ist Joachim Meyerhoff, Schauspieler am Wiener Burgtheater und Autor des Buchs «Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war», offensichtlich nicht.

Der Vater, ein Bücher verschlingender, übergewichtiger, leicht zerstreuter Psychiater mit bizarrem Humor, leitet die Anstalt, und zugleich ist er neben dem Ich-Erzähler die zentrale Figur des episodisch angelegten Werks. Ein Mann, der einen liebevollen Umgang mit seinen PatientInnen pflegt. Manche von ihnen sind gern gesehene Hausgäste. Ihre Spleens und ihre Ängste dienen Meyerhoff als Stoff für viele komische, bisweilen auch tragikomische Situationen. Das Verrückte als etwas Selbstverständliches zu begreifen und überdies als etwas, worauf die kindliche Fantasie umso fantastischer aufbauen kann – das schaffen diese romanartig verdichteten Kindheits- und Jugenderinnerungen auf bemerkenswerte Weise.

Die Schreie und das Stöhnen der PatientInnen wiegen unsern kleinen Helden in den Schlaf. Mitunter hat er es aber wirklich nicht leicht. Von seinen älteren Brüdern, die selbst komisch ticken, als «Hirnie» verspottet und aufs Bösartigste gestichelt, trägt er den Spitznamen «die blonde Bombe», da er zu explosionsartigen Tobsuchtsanfällen neigt.

Nachdenkliche, traurige Momente finden sich bei Meyerhoff auch, denn die Ehe der Eltern zerbricht – und nicht zuletzt ist es ein Buch für die Toten, für den Vater und den zweitältesten Bruder, die beide im Verlauf der Geschichte sterben. Ob alles genauso war? Mit Sicherheit nicht, schliesslich heisst erinnern immer auch erfinden. Nach der Lektüre weiss man, dass der Satz auch andersherum stimmt: Erfinden heisst erinnern.

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