Nr. 24/2013 vom 13.06.2013

Im religiösen Sumpf

Von Eva Pfister

Mit 25 Jahren schrieb Jeanette Winterson ihren ersten Roman, «Orangen sind nicht die einzige Frucht», und wurde damit zum Wunderkind der jungen britischen Literatur. Das war 1985. Jetzt wendet sich die Autorin wieder ihrer Jugend zu und enthüllt in ihrem neuen Buch noch schonungsloser das Leid eines Kinds, das einer neurotisch-frömmelnden Adoptivmutter und deren Pfingstgemeinde ausgesetzt ist. In diese evangelikale Freikirche steckte die frustrierte, eigentlich kreative und hochintelligente Frau ihre ganze Energie sowie die Hoffnung auf eine glänzende Zukunft ihrer Adoptivtochter, die als Missionarin in fernen Ländern wirken sollte.

Jeanette ist begabt und voll Enthusiasmus, bald spricht sie «in Zungen» und bekehrt UrlauberInnen. Erst in der Pubertät gerät sie mit dem Gott der PfingstlerInnen in Konflikt. Denn er verbietet ihr die Freuden der Sexualität. Umso kategorischer, als sie sich in ein Mädchen verliebt hat. Nach einer absurd-brutalen «Teufelsaustreibung» weiss Jeanette, worüber sie künftig besser schweigt. Für die junge Aussenseiterin wird die Bibliothek im nordenglischen Städtchen Accrington zum Zufluchtsort. Sie liest sich von A bis Z durch die Literatur und findet darin die Kraft zum Überleben. Später schafft sie es auf ein College in Oxford und lässt sich nicht beeindrucken von den Dozenten, die sie als Frau und Arbeiterkind wegmobben wollen. Jeanette Winterson wird eine führende feministische Autorin in England.

Lange nach dem frühen Ruhm holt der Schmerz ihrer Jugend sie wieder ein, und sie macht sich auf die Suche nach ihrer leiblichen Mutter. «Warum glücklich statt einfach nur normal?» liest sich wie ein psychoanalytischer Krimi. Das Unheil, das eine fehlgeleitete Frömmigkeit auslösen kann, ist ebenso ungeheuerlich wie die Kraft, mit der ein Mädchen sich aus diesem Sumpf von Bigotterie und Opportunismus herausarbeiten konnte.

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