Nr. 25/2013 vom 20.06.2013

Ein lebendiges Bild von Haiti

Von Margrit Klingler-Clavijo

Fito Belmar, der Protagonist des sechsten Romans von Kettly Mars, ist eine ambivalente Figur: Erfolgsautor mit Schreibblockade, Architekt und Städteplaner, der nach dem Erdbeben vom 12. Januar 2010 am schleppenden Wiederaufbau der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince verzweifelt – und ein Macho mit Potenzstörungen, der einem abgebrühten Golem auf den Leim geht, der ihm gegen Dollars junge Mädchen zuführt. Die frequentiert Fito heimlich im Canaan, einem der grössten Zeltlager für Erdbebenopfer. Die Jagd nach dem sexuellen Kick treibt Fito immer wieder in das labyrinthartige Lager, wo er mit seinen inneren Dämonen und dem Elend der LagerinsassInnen konfrontiert wird.

Befreiend ist die Begegnung mit Tatsumi. Die japanische Journalistin hatte ihn per E-Mail gebeten, ihr in Haiti für eine Reportage über die Folgen des Erdbebens zu helfen. Trotz des eifersüchtigen Gezeters seiner Exgeliebten Gaelle fährt Fito mit Tatsumi nach Abricots, einem traumhaft schönen Fischerdorf im Süden Haitis. Es ist der äussere und innere Gegenpol zum erdbebengeschädigten Port-au-Prince. Dort findet Fito wieder zu sich, zumal Tatsumi ihm gut zuredet, sich mit einem Roman Leid und Frustration von der Seele zu schreiben. In Abricots blitzen auch Visionen von einem dezentralisierten Haiti auf, das sich über Landwirtschaft und Tourismus neue Einnahmequellen erschliesst.

Mars verbreitet in diesem Roman weder Katastrophenvisionen, noch betreibt sie Schönfärberei, sondern zeichnet ein hochdifferenziertes und lebendiges Bild von Haiti. Sie sprengt die üblichen Klischees, weil sie mitreissend erzählt. Wie in ihren früheren Romanen haben Sinnlichkeit und Sexualität einen hohen Stellenwert. Es geht nicht nur um Fitos Verstrickungen, sondern auch um die benutzten Mädchen, die selbst zu Wort kommen und mit uralten Märchen und Legenden Unterstützung von einer Erzählerin erfahren, die in ihrer Romanwelt soziale Veränderungen anbahnt und vorwegnimmt.

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