Nr. 27/2013 vom 04.07.2013

Nicht vorlügen, alles gehe gut aus

Einblicke in eine Haltung und eine Arbeitstechnik: Ein langes Gespräch mit dem Filmemacher Michael Haneke in Buchform ist reiner Genuss.

Von Lennart Laberenz

Der Mann ist ein Pedant, im besten Sinn freilich. Penibel in der Vorbereitung, ungeduldig, bei Schlampereien aufbrausend. So viel war bekannt, spätestens seit Thomas Assheuer 2008 den Gesprächsband «Nahaufnahme» (Alexander-Verlag) mit Michael Haneke veröffentlichte. Nach «Das weisse Band» (2009) erzählte der Kameramann Christian Berger zudem, dass es für Haneke eine Qual sei, einen Film zu drehen. Nicht das Drehbuchschreiben, nicht die Vorbereitung oder der Schnitt. Aber das Drehen: An die fertigen Bilder in Hanekes Kopf müssten SchauspielerInnen und technische Crew erst einmal herankommen. Und wenn der Kameramann sein Licht nicht in den Griff bekommt, «mische ich mich ein und habe leider oft recht». Haneke weiss, dass für Qualität harte Arbeit die Voraussetzung ist. Eine Qual auch für das Team.

Mit uneitler Entspanntheit

Wenn nun im Alexander-Verlag der Gesprächsband «Haneke über Haneke» erscheint, betrachten die Autoren Michel Cieutat und Philippe Rouyer diesen Prozess genauer: Fünfzig Stunden, verteilt über zwei Jahre, sprachen die beiden Filmwissenschaftler mit Haneke und bauten sich vor ihm auf wie einst François Truffaut vor Alfred Hitchcock: Wie er das denn gemacht habe, der Monsieur Haneke. Und tatsächlich bringen sie Interessantes und Weiterführendes zu jeder einzelnen Produktion ans Licht.

Auffällig ist die uneitle Entspanntheit, mit der Haneke zurückblickt. Wie stets verweigert er Interpretationen; aus dem Gespräch mit Assheuer bleibt das Diktum, nach dem ein Regisseur eben «nicht dafür da sei, dem Zuschauer zu sagen, wo es langgeht». Bei Erklärungen wird er ungehalten. Der Wille zur Mehrdeutigkeit ist – auch wenn manche KritikerInnen spätestens seit «Amour» (2012) bereits ein mildes Alterswerk erkannt haben wollen – ungebrochen.

Also reduziert Haneke kurzerhand, wenn Cieutat und Rouyer symbolisch Aufgeladenes finden, durch den Hinweis auf banale Ursprünge. So will er von der «echten Liebesgeste» nicht viel wissen, wenn Jean-Louis Trintignant seine Partnerin Emmanuelle Riva mit dem Kopfkissen von ihrem Leiden erlöst und dabei auch seinen Kopf auf das Kissen drückt. Der Grund sei viel banaler: Trintignant habe sich einige Tage zuvor die Hand gebrochen, und so habe er grössere Schmerzen vermieden. Und der Titel «Der siebente Kontinent» (1989) sei auch nicht ihm, sondern der Frau des Hauptdarstellers eingefallen. So kann man viel von der heissen Luft herauslassen, mit der Regisseure gern eine Vorstellung des Künstlers aufblasen.

Stattdessen zieht sich Haneke auf sein Arbeitsziel zurück: Zweifel an der Wahrhaftigkeit der Bilder wecken. Der Zweifel ist Methode: Durch ihn denkt der Zuschauer mit, dafür, so Haneke, will er bis in einzelne Sequenzen und Szenen «möglichst viele Interpretationen möglich machen». Eine schwierige Arbeitshaltung, denn so muss vieles offenbleiben. So richtet sich der Zweifel gegen unsere Gewissheiten als Bequemlichkeiten wie auch gegen die Maschinerie, die sie uns vermitteln möchte. Es sei eben nicht alles gut und ende auch nicht so. Den Zorn, den er bei den Erlösungs-Erzählmustern empfindet, lässt Haneke bei LeserInnen auferstehen: «Alle meine Filme sind als Reaktion auf das gewöhnliche Konsumkino entstanden, das uns vorlügt, alles gehe gut aus.»

So befragt Haneke seine eigene Sprache und Sprechposition; Affirmation ist es, die ihm Schmerzen verursacht. Dabei ist die strenge Form politisch, nicht nur die Erzählung: «Der Zuschauer», sagt er, «muss den Schluss mit seinen eigenen Überzeugungen füllen können.» Während Haneke uns also bei Interpretation und Bewertung allein lässt, sprechen daraus Vertrauen und tiefer Humanismus – und keineswegs wedelt ein moralischer Zeigefinger.

Diese Haltung ist aus Interviews und Porträts bekannt, aber man hofft dennoch, dass dieses Gespräch nie aufhören möge: Gebannt folgen wir der Werkschau und den Kleinigkeiten aus Vorbereitung und Entwicklung, den Anekdoten zu Schauspielführung und technischen Schwierigkeiten.

Der selbstgewisse Fernseher

Aber es gibt auch viel Grosses und Ganzes. Es ist ein Genuss, den Fragestellern durch die Querverweise und die Verästelungen der Motive zu folgen. Dazu Fragen nach Sprachfassungen und Hanekes Selbstbeobachtung. Da will sich niemand selbst in ein besseres Licht rücken. Hätten die Autoren ihren Aufwand nicht im Vorwort verraten, man könnte glauben, sie hätten Haneke an einem Sommerwochenende zum Tee getroffen. Und man wäre gern dabei.

Wenn aber der Band dann mit dem Essay von Georg Seesslen leider ausgeklungen ist, schweift der Blick auf den Fernseher, der stumm im Zimmer herumsteht. Eine selbstgewisse Apparatur, eine, die uns den Skandal bellt oder Aussöhnung predigt. Eine Quelle der formatierten Welt. Haneke bemerkt, wenn er heute anfangen und bei den «Fernsehheinis» ohne sein Renommee vorsprechen müsste, würde er scheitern. Wir blicken also auf die wirkliche Qual.

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