Nr. 27/2013 vom 04.07.2013

Liebeserklärung an die unerreichbare Heimat

Der neue Film der palästinensischen Regisseurin Annemarie Jacir spielt in Jordanien an der Grenze zu Palästina im Jahr 1967.

Von Silvia Süess

Zur Zeit, in der ihr Film spielt, war Annemarie Jacir noch nicht geboren. Und doch hat das Jahr 1967 das Leben der palästinensischen Regisseurin geprägt.

Im Juni 1967 eroberte Israel im Sechstagekrieg das gesamte Westjordanland sowie den Gazastreifen und nahm Ostjerusalem ein. Kurz darauf begann der israelische Staat mit Enteignungen: Er vertrieb palästinensische Familien von ihrem Land, um Siedlungen zu erstellen. Seit über vierzig Jahren ist Israel eine Besatzungsmacht, jede israelische Regierung hat seither den Siedlungsbau vorangetrieben.

Jacirs Eltern lebten in Bethlehem und zogen nach dessen Besetzung nach Saudi-Arabien. 1974 kam Annemarie Jacir zur Welt. Sie wuchs in Saudi-Arabien auf, reiste aber mit ihrer Familie regelmässig nach Palästina. Mit sechzehn Jahren ging sie in die USA, studierte Literatur und später Film in New York. Als ausgebildete Filmemacherin drehte sie verschiedene Kurzfilme, kam nach Palästina zurück und beteiligte sich am Aufbau einer unabhängigen Produktionsfirma sowie an der Organisation eines Festivals mit palästinensischen Filmen.

Vom Flüchtlingslager zu den Rebellen

In ihrem zweiten Spielfilm, «When I Saw You», erzählt Annemarie Jacir eine Geschichte aus dem Jahr 1967, als eine ganze Region für immer verändert wurde und das Leben von Tausenden von Menschen nicht mehr so war wie zuvor.

Das gilt auch für das Leben des elfjährigen Tarek (Mahmoud Asfa). Gemeinsam mit seiner Mutter Ghaydaa (Ruba Blal) ist er aus seiner Heimat Palästina geflohen. Nun lebt er in einem Flüchtlingslager in Jordanien. Sein Alltag ist vom Warten geprägt: Der kleine Junge wartet darauf, dass er aufs Klo kann, da es eine lange Schlange vor dem einzigen Klohaus hat, er wartet, bis das Essen verteilt wird, und vor allem wartet er darauf, dass sein Vater den Weg zu ihm und seiner Mutter ins Camp findet. Doch Warten ist nicht Tareks Stärke. Und da der Vater nicht kommt, macht sich der Junge selber auf den Weg nach Hause. Unterwegs trifft er auf Layth (Saleh Bakri), der Tarek in ein Camp mitnimmt. Hier trainiert eine kleine Gruppe junger Männer und Frauen für den Kampf gegen die Besatzungsmacht. Tarek ist fasziniert von den jungen RebellInnen und beschliesst zu bleiben. Nachdem ihn seine Mutter gesucht und gefunden hat, weigert er sich, ins Flüchtlingslager zurückzukehren. So bleibt sie mit ihrem Sohn im Rebellencamp.

«When I Saw You» ist eine Liebeserklärung an die unerreichbare Heimat. Immer wieder streicht die Kamera behutsam über Hügel und Wiesen, die für Tarek ganz nah sind und zu denen er doch nicht gelangen kann. Es bleiben ihm die Sehnsucht nach dieser Heimat und der Wunsch nach einer Rückkehr. «Es gehört zum härtesten Teil des Lebens als Flüchtling, wenn du an einem Ort stehst, von dem du deine dir so vertraute Heimat aus der Distanz erkennst, aber nicht hingehen kannst», sagt Annemarie Jacir. Sie weiss, wovon sie spricht: Seit ihrem ersten Spielfilm, «Salt of this Sea» (2008), wird ihr von Israel ohne Angabe von Gründen die Einreise nach Palästina verweigert. Heute lebt sie in der jordanischen Hauptstadt Amman. «Eine kurze Ausfahrt, und ich kann Palästina von hier aus sehen», sagt sie. «Über dem Tal kann ich die Hügel erkennen, ja sogar Städte. Meine Freunde, meine Familie, meine Wohnung in Ramallah befinden sich da drüben, sind für mich aber unerreichbar.»

Banküberfall in Jaffa

Bereits in «Salt of this Sea» aus dem Jahr 2008 setzte sich Annemarie Jacir mit der Geschichte Palästinas und Israels auseinander. Darin kommt eine junge Frau aus Brooklyn zum ersten Mal in ihrem Leben nach Palästina. Sie möchte Geld ihres längst verstorbenen Grossvaters holen, das seit sechzig Jahren eingefroren auf einem Konto liegt.

Doch das ist nicht so einfach: Ihr Grossvater lebte in Jaffa, von wo er 1948 fliehen musste. Die Filiale in Jaffa gibt es nicht mehr, deshalb weigert sich die Bank, der Frau das Geld auszuzahlen. Kurzerhand überfällt sie die Bank und nimmt sich das Geld. Daraufhin reist sie nach Jerusalem, wo das Haus ihrer Grosseltern steht, in dem nun eine junge israelische Künstlerin lebt. Es kommt zu einem heftigen Streit zwischen den beiden Frauen: Beide beanspruchen das Haus als ihr Eigentum. Heimat, das ist für beide entwurzelten Frauen an der gleichen Stelle.

Schikanen im Alltag

«Mich interessieren nicht die militärische Gewalt, die Panzer, die Armee, sondern der Alltag der palästinensischen Bevölkerung, der voller Schikanen und Demütigungen ist», sagte Jacir 2008 im Gespräch mit der WOZ. Auch in «When I Saw You» steht dieser Alltag im Zentrum. Zwar spielt ein grosser Teil des Films im Rebellencamp, doch im Zentrum steht die Frage, was der Krieg im Kleinen anrichtet.

Wenn Tarek unterwegs von ein paar reichen jungen JordanierInnen weggescheucht wird wie ein streunender Hund, zeigt sich, wie er als Flüchtling ein unerwünschter Mensch ist. Wenn die RebellInnen im Radio hören, wie die israelische Armee Bomben über Flüchtlingslager abwirft, spürt man, wie das ihren Hass gegen die Besatzer schürt und sie radikalisiert. Und wenn Tarek schliesslich den Ausbildner im Rebellencamp euphorisch bittet, ihm endlich auch eine Waffe zu geben, so hat er endgültig seine Unschuld verloren.