Nr. 29/2013 vom 18.07.2013

Was bleibt, ist das Aroma einer Kurzgeschichte

Die ProtagonistInnen in Peter Stamms Roman «Nacht ist der Tag» haben den Glauben an Heilsversprechen verloren. Der Schriftsteller sinniert mit kühler Distanz über Unausweichliches und Zufälliges im Leben.

Von Lennart Laberenz

Am Ende dann, oder zumindest ganz kurz davor, heisst Gillian der Einfachheit halber Jill und hört einen alten und notwendigerweise traurigen Fado: Aus dem Autoradio klingt Amália Rodrigues, «Estranha forma de vida», die seltsame Art des Lebens. «Was für eine sonderbare Art zu leben hat mein Herz», übersetzt Fahrer Marcos recht frei, «einsames Herz, unabhängiges Herz, über das ich nicht befehle. Wenn du nicht weisst, wohin du gehst, wieso willst du dann unbedingt laufen?» Und dann haben wir plötzlich ein paar Sätze in der Hand, die wie eine Summe von Peter Stamms neuem Roman «Nacht ist der Tag» wirken. Hier, so könnte man meinen, zieht sich der Roman zusammen, verdichtet sich zu einer Stimmung, die vorher lose den Roman durchzog.

Aus Gillian wird Jill

Die Hauptfigur hört das Lied auf dem Weg zu einer herzlich unpassenden Veranstaltung, einem Goa-Rave mitten im Engadin. Auf diesem nimmt sie noch irgendeine Pille und löst sich vollends ab von dem, was wir auf den 240 Seiten zuvor gelesen haben. Vielleicht liegt es an der Divine Amália, wie die Sängerin Rodrigues genannt wurde, jedenfalls blickt Jill hernach mit neuer Nüchternheit auf ihr Leben.

Über drei Akte, die jeweils eine Katastrophe oder einen Zusammenbruch auslassen, sind wir zu Rodrigues und ins Engadin gekommen: Gillian liegt im Krankenhaus. Sie hat – anders als ihr Mann Matthias – einen Autounfall überlebt und schwere Gesichtsverletzungen davongetragen. Jetzt braucht sie eine neue Nase, und ihr dämmert eine Erkenntnis, die wir mit Stamm vielen, die sich so im Fernsehen tummeln, nur wünschen können: «Das Leben vor dem Unfall war eine einzige Inszenierung gewesen. Ihr Job, das Fernsehstudio, die schönen Kleider, die Städtereisen, die Essen in guten Restaurants, die Besuche bei ihren Eltern und bei der Mutter von Matthias. Es musste falsch gewesen sein, wenn es so leicht zu zerstören war, durch eine Unachtsamkeit, eine falsche Bewegung. Das Unglück hatte früher oder später kommen müssen, als plötzliches Ereignis oder als langsamer Verschleiss, aber es war unausweichlich.»

Stamm schreibt mit einer kühlen Grausamkeit über seine Figuren. Ob in seinen Romanen, wie «An einem Tag wie diesem» (2006), «Sieben Jahre» (2009), oder in seinen Erzählungen: Stets haben wir es mit Personen zu tun, die auf ein sonderbares Leben und eine sonderbare Art zu lieben mehr schauen, als dass sie aktiv daran teilnehmen. Es gibt immer eine gewisse Unvollständigkeit, mit der sie umgehen müssen.

Heilungsprozess mit Rückblenden

Als in «An einem Tag wie diesem» der matte Andreas einerseits in einem Liebesroman eine Ähnlichkeit zu seiner verwehten Jugendliebe feststellt und andererseits vor der möglichen Diagnose Lungenkrebs steht, bricht er auf, diese Jugendliebe zu finden. Der ebenfalls recht antriebsschwache Alex aus «Sieben Jahre» lässt nicht nur seine beruflichen Träume als Architekt vergehen, sondern auch seine Ehe: Er wendet sich Iwona zu, dem hässlichen, hoffnungslosen und trägen Gegenpol zu seiner Frau.

In «Nacht ist der Tag» schneidet Stamm Rückblenden in Gillians Heilungsprozess, aber die werfen auch kein besseres Licht auf die Rekonvaleszentin: Während sie und Ehemann Matthias sich im Schaum des Medienvolks zu halten versuchten und so Anspruch und Intellekt längst verraten hatten, rieben sie vor lauter Imponiergehabe auch ihre Ehe dünn. Gillian fordert darauf den geschwätzigen Künstler Hubert zu einer Affäre heraus, der in einer überraschenden Wendung ablehnt: Seine Freundin sei kurz vor der Niederkunft. Gillians Unfall ist also vielleicht dem schleichenden Abstieg zuvorgekommen, das Problem «Ehe mit Matthias» ist auf jeden Fall gelöst.

Im zweiten Teil des Buches vergehen die nächsten Jahre nun aus Huberts Sicht, wir folgen einer Verbürgerlichung. Und siehe da: Während Gillian nie eine Alternative zu denken schien, kommt der durchaus anders gestartete Hubert bei einem ähnlichen Lebensstil an: «Früher hatte er sich immer lustig gemacht über die Künstler, die sich auf Professorenposten einnisteten, aber nach Lukas’ Geburt nahm er das Angebot der Hochschule an. Eine Festanstellung schien die einzige Möglichkeit, ein einigermassen bürgerliches Leben zu führen und nicht als verarmter Künstler zu enden.»

Während Hubert seiner Produktionsblockade den gnädigen Schleier des akademischen Betriebs überwirft, schreitet seine Frau Astrid zur vielleicht nächsten Etappe der neuen Bürgerlichkeit: Sie wird Esoterikerin, also unerträglich. Huberts Schwung und Ehe zerbröseln in Einzelteile aus Trägheit und Orientierungsschwäche. Und so macht er sich auch auf ins Engadin und trifft hier – keine wirkliche Überraschung – Gillian wieder, die jetzt eben Jill heisst und als Oberanimateurin in einem Hotel wirkt. Der Leere, die beide jetzt umschliesst wie das enge Tal, haben sich Hubert und Jill aus entgegengesetzten Richtungen angenähert.

Wenngleich die Dramaturgie am Ende ein wenig grob wirkt, hat Jill schon ihren ersten Schritt zu einem unmittelbaren Menschen gemacht. Hubert hat es nicht so einfach, nach einigen Geburtswehen entwickelt er ein Ausstellungskonzept, von dem er einer Lokaljournalistin im Standardvokabular jedes zweiten bildenden Künstlers, auf jeden Fall aber jedes Kurators vorschwadronieren kann: «Der einzige Antrieb für seine Arbeit sei das Begehren, eine Sucht nach Wirklichkeit, nach Präsenz, auch nach Intimität im Gegensatz zu Öffentlichkeit.»

Mühsames Strampeln

Solche Grausamkeiten sind immer amüsant zu lesen, der Spott über Fernsehen, Kunst und Literaturbetrieb ist subtil und wohldosiert. Das bürgerliche Leben der Schweiz und Zentraleuropas legt sich wie Mehltau über Abenteuerlust und Vorstellungskraft der handelnden Personen. Peter Stamms Sprache stellt nie etwas aus, bleibt karg und nah bei der Beschreibung der Räume, durch die sich seine ProtagonistInnen bewegen. Ihre Gedankenwelt müssen wir so selbst auffüllen helfen.

Wie schon in den früheren Romanen gibt es keine grössere Katharsis, sondern eher ein mühsames Strampeln: Den Figuren hängt der Mühlstein der Zeit und der eigenen Geschichte um den Hals. Vielleicht wird das Feuer der Liebe im fortschreitenden Alter – Stamm scheint seine Personen recht genau in seine eigene Altersgruppe einzuordnen – schwächer, an die Heilsversprechungen der Berufswelt glaubt sowieso niemand mehr. Gerade die Leere, die Stamms Personen umgibt, lässt uns die Figuren sehr nah sein. Bis wir in ihnen auch Karikaturen zeitgenössischer Debatten finden und Stamm sie uns so wieder entreisst.

Deshalb bleibt nach dem Ende von «Nacht ist der Tag» eher das Aroma einer Kurzgeschichte übrig – was bei Stamm alles andere als ein Vorwurf ist. Etwas bricht da plötzlich ab und wirkt als Rätsel zurück auf die Erzählung. In diesem Fall ist es Jill.

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