Nr. 34/2013 vom 22.08.2013

Der Kochtopf als Helm

Von Knud Kohr

1939 hatte Ma Hunkel genug von der Gewalt in ihrer Nachbarschaft. Sie hüllte sich in eine alte Decke, setzte sich einen Kochtopf als Helm auf und begann, das Verbrechen zu bekämpfen. Jedenfalls in den Comics von Sheldon Mayer. Wenige Jahre zuvor hatte der Aufstieg von Superman begonnen.

Mit den Superstars wie mit den Underdogs der Comicszene kennt sich der Schotte Grant Morrison gleichermassen gut aus. Vor allem deshalb, weil er als Zeichner beides schon war. In seinem gerade erschienenen voluminösen Band «Superhelden. Was wir Menschen von Superman, Batman, Wonder Woman & Co. lernen können» berichtet er über den Aufstieg der Comichelden, der ohne die Erfahrungen von Weltkrieg und Atombombe nie so rasant hätte sein können. Und die es später ebenso leicht schafften, Hippietum oder Punk, den Kalten Krieg oder Turbokapitalismus in ihren Universen abzubilden.

Der 1961 in Glasgow geborene Morrison hat auch noch eine zweite Geschichte zu erzählen: seine eigene. Von frühester Kindheit an war er von den gezeichneten Abenteuern fasziniert. Als sein Vater Ende der 1970er Jahre durch eine Affäre mit einer kaum volljährigen Friedensaktivistin die eigene Familie «explodieren liess», kapselte Morrison sich ab und begann selbst zu zeichnen. Binnen drei Jahrzehnten wurde er vom Nerd, der die braven LeserInnen einer heimischen Abonnementszeitung mit wöchentlichen, blutrünstigen Rächergeschichten schockierte, zum derzeitigen künstlerischen Leiter der Batman-Comics. Fast nebenbei wurde Grant, der über brodelnde Kreativität ebenso verfügt wie über geradezu zwanghaftes enzyklopädisches Wissen, 2006 zum «zweitbeliebtesten Comiczeichner aller Zeiten» gewählt. Ein herausragendes Buch für Fans der Popkultur also.

Und am Ende weiss man: Die wirklich guten Comiccharaktere scheinen unsterblich zu sein. Superman lief im Juni als «Man of Steel» in den Schweizer Kinos an. Und Ma Hunkel führte 2007 ihre Enkelin Maxine ins Superheldinnengeschäft ein.

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