Nr. 39/2013 vom 26.09.2013

Und dann hat Fred eine andere Kappe auf

Arno Camenischs neuer Roman ist ein schmales Buch mit zwei Hauptfiguren, Fred und Franz, die sehr viel reden – und dennoch viele Rätsel aufgeben.

Von Rea Brändle

«Fred und Franz» ist nach Schauplätzen gegliedert. Rund zwei Dutzend sind es, knapp gehaltene Situierungen wie «Am Rheinufer», «Beim Holzhacken hinterm Haus», «Vor dem Kiosk», «In der Pizzeria». Viel mehr ist in der Regel über die Örtlichkeiten nicht zu erfahren, weil die beiden Romanhelden sich wie im richtigen Leben verhalten: Machen sie zusammen einen Ausflug, reden sie über frühere Ausflüge. Wenn sie sich im Restaurant gegenübersitzen, unterhalten sie sich über Menüs, die sie anderswo mit andern gegessen haben. Auch der zeitliche Ablauf ist kaum zu rekonstruieren, markante Ereignisse sind nicht auszumachen, es scheint auch keine Jahreszeiten zu geben. Jedenfalls sind sie nicht wichtig. Fred trägt fast immer seine grüne Kappe und eine Skijacke, selbst zu Hause vor dem Fernseher. Franz hat manchmal Latzhosen an und einen Kittel von der PTT. Er greift sich gern in seine roten Haare.

Die beiden Männer sind meistens am Reden. Nicht über Gott und die Welt, wie Baur und Bindschädler es tun, die Protagonisten der Romane von Gerhard Meier. Sie reden oft über das Gleiche. Fred kommt, ob er will oder nicht, bei jeder Gelegenheit auf Maria zu sprechen, seine gescheiterte Liebe, während Franz ihm ebenso beharrlich einzureden versucht, dass es besser wäre, es endlich mit einer anderen zu versuchen. Dennoch scheint es Franz nicht wesentlich besser zu gehen in seinem komplizierten Verhältnis zur verheirateten Magdalena.

Proleten und Poesie

Was die beiden beruflich machen, wird nie recht klar. Meist geht es um Gelegenheitsjobs, Handlangerarbeiten wie Golfplätze mähen, Kaninchenställe zimmern, Zementsäcke schleppen. Selbst dann ziehen sie, wie in der Freizeit, ständig irgendwelche Flaschen aus ihren Jackentaschen. Weitere Vorräte sind im Handschuhfach, in der Kühlbox, in der Werkstatt. Und so viel sie auch trinken, sie verlieren nie den Sinn fürs Poetische. Es sind diese merkwürdig schönen Sätze, mit denen der junge Arno Camenisch über Nacht zu einer Berühmtheit geworden ist. Der Kirchturm ist das grosse Telefon zum Herrgott; Anja Kovac trägt ihre Katze wie eine Handtasche; wer ein Herz aus Blech hat, muss in die Höhe, ja, und wenn der Fred die Maria sieht, ists ihm, als werde er von hinten erschossen. «Ach, weisst du, sagt der Franz, wir gehen jeweils zu mir, und danach raucht sie noch eine mit mir am Küchentisch. Und wenn sie die Treppe runtergeht, schaut sie nicht zurück. Ich hebe trotzdem die Hand.»

Man hätte ihm solche Feinheiten nicht zugetraut.

Lücken und Lesetempo

Manchmal ergeben sich aus belanglosen Sätzen kleine Grotesken, die ebenso rasch wieder implodieren: «In sechs Minuten kann man sieben Kartoffeln schälen, sagt Franz. Oder zweieinhalb Mal das Lied ‹Non, je ne regrette rien› von Edith Piaf hören, sagt der Fred. In sechs Minuten kann man einen Kontainer ein Mal um einen Block stossen, sagt der Franz. Sechs Minuten Verspätung beim Skirennen ist zu viel, sagt der Fred. Sechs Minuten Verspätung bei einem Rondévu liegt gerade noch drin, sagt der Franz. Sechs Minuten braucht man mit dem Zug von Trun nach Tavanasa, sagt der Fred. Sieben, sagt der Franz. Stimmt, sagt der Fred.»

Genau das sind Passagen, die Camenischs Texte so liebenswert machen.

So gern die beiden reden, sie plaudern zum Glück nicht alles aus. Dies gilt nicht nur für die Szene, in der Franz den Fred im Gefängnis besucht. Man kann das Buch deshalb nicht im gewohnten Tempo lesen, man muss immer wieder innehalten. Nur so sind die kleinen Veränderungen zu registrieren: dass Fred eine andere Kappe trägt zum Beispiel, eine rote, die ihm Rebekka geschenkt hat, die Bäckerin. Und dass er seither nicht mehr von der Maria redet.

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