Nr. 39/2013 vom 26.09.2013

Die menschenvernichtende Dynamik des Militärs

Endlich: Ein halbes Jahrhundert nach ihrer Entstehung ist Bernd Alois Zimmermanns singuläre Oper «Die Soldaten» erstmals in Zürich zu erleben.

Von Thomas Meyer

Sie spielt «heute ebenso wie gestern und morgen», schrieb Komponist Bernd Alois Zimmermann über seine Oper «Die Soldaten»: Szene aus der Zürcher Inszenierung von Calixto Bieito. Foto: Monika Rittershaus

Eine junge Frau (Marie) bittet einen Mann um ein Almosen, es ist ihr Vater, aber sie erkennen einander nicht, er stösst sie von sich. Das ereignet sich im Vordergrund. Dazu wären, so die Vorgaben der Partitur, auf Filmleinwänden sichtbar: Panzer und gefallene Soldaten; dazu ab Band hörbar: Schreie, Offiziersbefehle, Gewimmer. Das Orchester spielt hochenergetisch, der Priester singt ein Paternoster, eine Jazzcombo fällt immer wieder in den Tumult ein, und schliesslich wird alles vom Stampfen des Marschierens übertönt – bis zum Zusammenbruch. Das ist die letzte Szene aus Bernd Alois Zimmermanns 1965 in Köln uraufgeführter Oper «Die Soldaten». Es ist eine Überforderung der theatralen Mittel und auch eine emotionale Überforderung. Zwei Szenen zuvor kommt es in einer als «Tribunal» bezeichneten Szene zu einem einzigen grossen Aufschrei. «Die Szene stellt insgesamt die Vergewaltigung Mariens als Gleichnis der Vergewaltigung aller in die Handlung Verflochtenen dar: brutale, physische, psychische und seelische Vergewaltigung», schrieb der Komponist dazu.

Im Spiegel einer Epoche

Vom gleichnamigen Theaterstück des Dichters Jakob Michael Reinhold Lenz, auf dem Zimmermanns Oper beruht, ist da nur noch das Gerüst übrig. Bei Lenz wird die Abwärtslaufbahn der Kaufmannstochter Marie erzählt, die sich verschiedenen Soldaten hingibt, ausgebeutet wird und schliesslich in der Gosse landet. Ihr Schicksal ist für Zimmermann mehr: Er verändert und radikalisiert das Stück im entscheidenden Moment und stellt die Frage nach der menschenvernichtenden Dynamik des Militärs. Er wusste, wovon er erzählte. Der 1918 in der Nähe von Köln geborene Zimmermann hatte in der Wehrmacht den Polen-, den Frankreich- und den Russlandfeldzug miterlebt. Aber er ging über diese konkrete Erfahrung hinaus: «Die Szene spielt – wie die gesamte Oper: heute, ebenso wie gestern und morgen!»

Dabei ist das Werk durchaus ein Spiegel seiner Epoche. Es ist aus der deutschen Nachkriegsmusik, also aus den fünfziger und den sechziger Jahren, neben den Werken von Hans Werner Henze so ziemlich die einzige Oper, die bis heute überlebt hat. Und es ist auch in der Auseinandersetzung mit der Zeitgeschichte eine singuläre Ausnahme: Die Avantgarde strebte damals eine rein musikalische Erneuerung der Tonsprache an. Rar sind die Werke, die sich mit dem Kalten Krieg beschäftigen. Zimmermann aber konnte das nicht ausser Acht lassen. Am Ende der Partitur, heisst es, solle die Wolke des Atompilzes (also nicht der Pilz selbst) über allem erscheinen – ein Fanal.

In den Inszenierungen wird das oft weggelassen. Die Bilder sind auch so stark genug. Die übermächtigen Schlussszenen können einen vergessen lassen, dass schon zuvor zwei Stunden höchster musikalischer Eindringlichkeit zu erleben sind – Musik auf Hochdruck, aber auch auf der Höhe der Zeit. Zimmermann hatte zwar die neuen Techniken der Avantgarde rezipiert und wandte sie auch an, blieb aber auch auf Distanz. Früh integrierte er in seine Musik Zitate, gern auch Elemente des Jazz. Sein Trompetenkonzert «Nobody knows de (sic) trouble I see» von 1954 ist ein frühes Beispiel dafür. Er imaginierte dazu eine «Kugelgestalt der Zeit», in der alle Zeiten, auch musikhistorisch, präsent sind. In dieser Kugelgestalt trifft alles aufeinander. Sein «Requiem für einen jungen Dichter» (1969) montiert nicht nur verschiedene Musiken, sondern auch Zitate der Zeitgeschichte, etwa vom Einmarsch der Sowjets in der CSSR, zu einer Collage der Verzweiflung. Zimmermann konnte sich nicht abfinden. 1970 ging er – erst 52-jährig – in den Freitod.

«Die Soldaten», einst unter grössten Schwierigkeiten uraufgeführt, sind nun, ein halbes Jahrhundert nach Entstehung der Oper, endlich in Zürich zu erleben. «Warum konnten Sie es nicht auch schon früher bringen?» In den achtziger Jahren sagte der damalige Operndirektor Claus Helmut Drese auf meine Frage klipp und klar: «Das ist zu gross für das Haus!» Ähnlich tönte es auch stets von Alexander Pereira. Andreas Homoki hat es nun am Anfang seiner zweiten Zürcher Saison gewagt – und reüssiert. Die Premiere am Sonntag war ein Erfolg. Das fabelhafte von Marc Albrecht geleitete Opernhausorchester namens Philharmonia Zürich sass vollständig auf der Bühne, bildete in Kampfanzügen die «Kulisse» und machte die Musik zum eindringlichen Ereignis.

Es gibt keine ästhetische Lösung

Calixto Bieito, für seine blutrünstigen und sexualisierten Inszenierungen berüchtigt, wurde als Regisseur verpflichtet. Er ging freilich mit allem Respekt an das Werk, reizte es nicht aus, sondern liess der Musik den ersten Platz. Vor allem in den kammermusikalischen Szenen gelang es, das Stück zu verdichten. Die ersten beiden Akte waren von einzigartiger Intensität. Die liess bei der Premiere am vergangenen Sonntag nach der Pause ein wenig nach, und das Schlussbild überzeugte nicht ganz. Das Opfer Marie (Susanne Elmark) mit Theaterblut zu übergiessen und wie eine Gekreuzigte stehen zu lassen, ist allenfalls die zweit- oder drittbeste Lösung, aber welche wirklich die beste wäre, ist schwierig vorzustellen. Auch das ist Teil dieses Stücks: Es nimmt sich ein Thema vor, für das es letztlich keine ästhetische Lösung gibt.

«Die Soldaten» von Bernd Alois Zimmermann steht bis zum 26. Oktober 2013 noch sechsmal auf dem Programm des Zürcher Opernhauses. 
www.opernhaus.ch

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