Nr. 39/2013 vom 26.09.2013

Sicherheit (dank Höflichkeit)

Zertifizierte Herzlichkeit und Höflichkeitsdienst nach Vorschrift: Was in Japan längst eingeführt worden ist, droht auch Angestellten in der Schweiz.

Von Adrian Riklin

Das hat man von der zunehmenden Kurzsichtigkeit. Neulich zum Beispiel, an diesem fast schon verzweifelt schönen vorletzten Sommerabend, als ich dem Limmatquai entlangflanierte, leuchtete von weitem eine weisse Tafel im Sonnenlicht. Es ist ja nicht so, dass eine weisse Tafel an und für sich aufsehenerregend ist. Obwohl es vermutlich die Grundidee einer jeden Tafel ist, Aufsehen zu erregen. Da nun aber in einer Stadt viele Tafeln auf die Idee kommen, ein gewisses Aufsehen zu erregen, kann es vorkommen, dass ich die eine oder andere übersehe und somit womöglich auch Informationen ausser Acht lasse, ohne die ich in der Ausübung meiner staatsbürgerlichen Pflichten handicapiert sein könnte.

Neulich also, als ich dem Limmatquai entlangflanierte und darüber nachdachte, was für lebenswichtige Hinweise ich in meinem bisherigen Leben übersehen haben mochte, wunderte ich mich, wie unübersehbar mir diese weisse Tafel von weitem entgegenleuchtete. Wo sie doch weder gross noch spektakulär war. Kann es sein, dass ich gegenüber dem visuellen Allgemeingeschrei immun geworden war – und seither auf Tafeln reagiere, die sich in moderater Zurückhaltung üben? Könnte es am Ende gar sein, dass mich die Tafel durchschaut hatte, bevor ich sie entdeckte?

Bis zu diesem Zeitpunkt beschränkte sich die Botschaft der hübschen weissen Tafel aufgrund meiner Kurzsichtigkeit noch immer darauf, eine Botschaft senden zu wollen. Das war ein Gedanke, der mich rührte: eine Botschaft um ihrer selbst willen, L’art pour l’art, reine, schneeweisse Kommunikation.

Einige Meter später glaubte ich, erste Anzeichen von Buchstaben zu erkennen. Oder waren sie nicht wie auf die kleine weisse Tafel gehaucht? Es keimte in mir an diesem vorletzten Sommerabend die Hoffnung auf Lyrik.

Nach einigen weiteren Schritten zeigte sich, dass ich mich getäuscht hatte. Zunächst war das Wort «Sicherheit» zu erkennen; dann, ich traute meinen Augen nicht, «statt» – und weiter «Höflichkeit». «Sicherheit statt Höflichkeit.» Welch Prosa!, dachte ich. Könnte es sein, dass die florierende Höflichkeit ein gravierendes Sicherheitsproblem darstellt? Dass zu virulente Höflichkeitsformen den öffentlichen Frieden gefährden, wo doch erst kürzlich von offizieller Stelle das Verlangen nach «mehr Eleganz im öffentlichen Raum» geäussert worden war?

Als die Tafel endlich in garantierte Kurzsichtnähe geraten war, konnte ich den wahren Wortlaut dann doch noch verifizieren: «Sicherheit dank Höflichkeit.» Also doch. So weit also sind wir gekommen. Nachdem die Tourismusregion Oberengadin bereits schon seit dem vergangenen Winter Herzlichkeitskurse für Einheimische anbietet (kein Witz!), greift das Projekt nun allem Anschein nach auf die Tourismusregion Zürich über. Wobei nun aber mit Höflichkeit nicht nur die Wirtschaft angekurbelt, sondern auch die Sicherheit gesteigert werden soll.

Werden nun bald schon Tramchauffeusen, Türsteher und Verkäuferinnen zum Höflichkeitsdienst nach Vorschrift gerufen? Ja, gewiss wird bereits in Abendkursen zeitgenössische Höfelei unterrichtet, es werden kundenorientierte Höflichkeitsformen diktiert – und die zertifizierte Höflichkeit zum wichtigsten Standortfaktor gekürt.

Dass Höflichkeit und Freundlichkeit auch ganz wunderbar sein können, ohne zwingend einem wirtschaftlichen Nutzen dienen zu müssen, ist offensichtlich in Vergessenheit geraten. Und damit auch, dass wahre Höflichkeit auf Gegenseitigkeit beruht, dass also auch der Kunde durchaus die Möglichkeit hat, sich gegenüber der Verkäuferin höflich zu verhalten.

Die Vorstellung, dass selbst die Herzlichkeit kalkuliert, zertifiziert und dem Standortwettbewerb untergeordnet wird, ist beängstigend. So hirngespinstig aber ist sie nicht: In Japan zum Beispiel kontrolliert die Bahngesellschaft Keikyu mit dem Computerprogramm Smile Scan schon seit 2009, ob die Angestellten freundlich genug dreinschauen. Wenn nicht, werden sie via Bildschirm aufgefordert, ihre Mundwinkel unverzüglich weiter nach oben zu ziehen. Die Schweiz ist noch nicht ganz so weit. Den BesucherInnen des Herzlichkeitskurses im Oberengadin wurden am Schluss keine Zertifikate ausgehändigt. Dafür aber Taschenspiegel.

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