Nr. 40/2013 vom 03.10.2013

Rückkehr auf die Landkarte der europäischen Linken

Der Balkan knüpft an Zeiten an, als der jugoslawische Sozialismus noch ein Modell mit Zukunftspotenzial war. Das zeigt ein von einem österreichischen Soziologen und Politologen herausgegebener Sammelband anhand sozialer Initiativen und Kämpfe.

Von Thomas Bürgisser

«Nach der brutalen Zerstampfung des tschechischen Experiments durch das konterrevolutionäre Bürokratenregime in Moskau [ist] Jugoslawien mit seinem Selbstverwaltungsexperiment wiederum der einzige Ort in der Welt, wo versucht wird, Sozialismus, Freiheit und Demokratie miteinander in Einklang zu bringen.»

Das schrieb der Schweizer Philosoph, Politologe und spätere WOZ-Autor Arnold Künzli (1919–2008) im November 1968 im «Tages-Anzeiger». Und weiter: «Wenn der Sozialismus – als Idee einer demokratischen Gesellschaft ohne Ausbeutung, Knechtung, Entwürdigung des Menschen durch den Menschen – überhaupt noch eine Zukunft haben soll, dann braucht er eine neue Theorie. Niemand wäre wohl fähiger dazu sie auszuarbeiten als die jugoslawischen Philosophen und Soziologen der ‹Praxis›-Gruppe.»

Titos sozialistische Marktwirtschaft

Jugoslawien als Laboratorium einer Wirtschaftsdemokratie? Als Thinktank eines undogmatischen und humanen Marxismus? Der Gedanke mag heute manche überraschen. Tatsächlich aber war der jugoslawische Sozialismus im Kalten Krieg für viele unabhängige Linke ein Modell, das Zukunfts- und Entwicklungspotenzial besass. Seit dem Bruch zwischen Josip Broz Tito und Josef Stalin 1948 beschritt das Land politisch und ideologisch eigene Wege. So waren etwa die Betriebe – zumindest nominell – «gesellschaftliches Eigentum» und wurden innerhalb eines Systems sozialistischer Marktwirtschaft von Arbeiterräten selbstverwaltet.

In Titos Vielvölkerstaat wehte ein weit liberalerer Wind als im Ostblock. So konnten sich seit 1963 jugoslawische Intellektuelle der «Praxis»-Gruppe mit Philosophen wie Ernst Bloch, Erich Fromm, Jürgen Habermas oder Herbert Marcuse zu einer «Sommerschule» auf der Adriainsel Korcula zum freien Gedankenaustausch treffen, worüber Arnold Künzli, unter dem Eindruck der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968, im «Tages-Anzeiger» berichtete.

Ein Sozialismus in Künzlis Sinn wurde in Jugoslawien dann allerdings doch nicht erfunden. Die Mitglieder der «Praxis»-Gruppe wurden Repressionen ausgesetzt, aus der Partei und von den Universitäten ausgeschlossen. Letztlich war eben auch in Belgrad ein «konterrevolutionäres Bürokratenregime» an der Macht, das äusserst wenig Interesse an Reform und Innovation bekundete.

Noch schlimmer als die Apparatschiks aber waren deren ErbInnen: Finstere NationalistInnen versetzten dem abgewirtschafteten System zu Beginn der neunziger Jahre den Todesstoss, bereicherten sich kriminell am gesellschaftlichen Eigentum und trieben den ganzen Vielvölkerstaat in eine Reihe verheerender Bürgerkriege. Die Ethnisierung der Politik auf der einen, der darauf folgende neoliberal inspirierte Umwandlungsprozess der postjugoslawischen Gesellschaften auf der anderen Seite liessen den Raum aus linker Perspektive lange Zeit wenig interessant erscheinen.

Tiefgreifende Frustration

Nun jedoch kehrt der (westliche) Balkan «langsam auf die Landkarte der europäischen Linken zurück», wie man im jetzt vom österreichischen Politologen und Sozialwissenschaftler Michael G. Kraft herausgegebenen Sammelband «Soziale Kämpfe in Ex-Jugoslawien» nachlesen kann.

Nach einer kompetenten Einleitung lässt Kraft in Interviews, Texten und Artikeln unterschiedlichste regionale AkteurInnen zu Wort kommen. Anhand «ausgewählter sozialer Initiativen und Kämpfe» in Serbien, Kroatien und Slowenien will Kraft die exjugoslawische Suche nach einer «emanzipierten Zukunft» (wie er sich in Anlehnung an den slowenischen Philosophen Slavoj Zizek ausdrückt) nachzeichnen. Diese Suche ist in erster Linie Ausdruck einer tiefgreifenden Frustration über die Entwicklungen der letzten Jahre: Unter dem Heilsversprechen der «Transformation» oktroyierten die Europäische Union und der Internationale Währungsfonds den Nachkriegsgesellschaften eine radikale Privatisierungspolitik auf. Am Ende eines entbehrungsreichen Wegs aus der Rückständigkeit – so die Mär – werde der westliche Balkan schliesslich in eine neue Ära des Wohlstands eintreten.

Theorie und Praxis

Das ist nicht passiert. In Serbien und Kroatien sind in den letzten zwei Jahrzehnten zahlreiche Betriebe unter dubiosen Umständen privatisiert, ausgeschlachtet und liquidiert worden. Ganze Landstriche wurden dadurch deindustrialisiert, Zehntausende Arbeitsplätze gingen verloren. Die globale Finanz- und Wirtschaftskrise verschärfte die Situation ab 2008 zusätzlich – auch in der einstigen Vorzeigerepublik Slowenien.

Michael G. Krafts Sammelband dokumentiert eine Reihe von Streiks und Protestbewegungen der letzten Jahre. Der engagierte Kampf von Belegschaften um den Erhalt ihrer Arbeitsplätze nahm (wie zum Beispiel im Fall der Arzneimittelfabrik Jugoremedija in Nordserbien) auch Anleihen beim historischen Modell der betrieblichen Selbstverwaltung. Zwar endeten fast alle Arbeitskämpfe in bitteren Niederlagen. Sie zeigten jedoch innovative Protestformen und kreative Möglichkeiten der Selbstorganisation auf, die den Widerstand in anderen Ländern inspirierten und weiterhin inspirieren können.

In Slowenien wie in Kroatien hat sich zwischen den Jahren 2008 und 2012 aus dem Widerstand gegen die Einführung von Studiengebühren im Hochschulwesen eine starke Protestbewegung entwickelt, die schon bald weit über den universitären Rahmen hinauswuchs, das wirtschaftliche und politische System als Ganzes kritisierte und mit Formen der Selbstverwaltung und der direkten Demokratie Gegenmodelle erprobte. «Wenngleich konkrete Alternativen zur Paarung Parteiendemokratie / Kapitalismus unausgegoren oder manchmal naiv wirkten und Unmut und Wut noch sehr diffus waren», so schreibt Michael G. Kraft, «so ist es doch zu einer wichtigen öffentlichen Diskussion um neue Ideen und Vorschläge jenseits des Status quo der liberalen Demokratie und des kapitalistischen Systems gekommen.»

Von dieser Linken liesse sich lernen

Die sozialen Initiativen und Proteste werden in der Region auch theoretisch analysiert. Das Subversive Forum, das seit 2008 jährlich in der kroatischen Hauptstadt Zagreb stattfindet, hat sich inzwischen zu einer einzigartigen Diskussionsplattform der südosteuropäischen Linken entwickelt. Srecko Horvat und Igor Stiks, die das Subversive Forum organisieren, versuchen in ihrem Beitrag zum Sammelband, die regionalen Phänomene global zu verorten.

Von der neuen Linken auf dem Balkan, schreiben Horvat und Stiks selbstbewusst, könnten «manche im Westen, die sich nur allzu bequem in den Strukturen liberaler ‹repressiver Toleranz› eingerichtet haben, eine Menge in Bezug auf Formen und Methoden subversiver Politik im 21. Jahrhundert lernen».

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