Nr. 41/2013 vom 10.10.2013

Unterwelt der Wörter

Von Anna Wegelin

Lisa Elsässer findet den Stoff für ihre Geschichten in Erlebtem und Erinnertem, in ihrer akribischen Wahrnehmung von Details – und in einer eigenen Welt der Gefühle und des Nachdenkens. Das Schreiben an sich, als Schaffenskraft und Willensakt, aber auch als Zuflucht vor dem Abgrund, ist auch in ihrem neuen Prosaband, «Feuer ist eine seltsame Sache», ein Leitmotiv.

Die 1951 geborene Schweizer Autorin führt uns nah an das Erzählte heran, das manchmal in ungeahnten Bahnen verläuft, aber im Grund triviale Ereignisse verarbeitet: eine ins Leere zerlaufende Liebe, das Dahinschwinden eines Lebens, Kindererziehung, Altersdemenz. Fluss in den Text bringen menschliche Figuren, die der Zufall zusammenbringt oder auch nicht, sowie reale und mögliche Geschichten um diese Menschen: ein Ich und ein Du, eine Frau und ein Mann, zwei Schwestern, eine Tochter und ihr Vater, eine Mutter und ihr Kind. Geschichten um Liebe und Tod, angelegt im Zweiergespann, ausgetragen im Alleingang und manchmal auch in der Einsamkeit.

Leicht kommen die Texte unterschiedlicher Länge daher, die in ihrer Form protokollarisch oder erzählend sind, realistisch oder auch experimentell. Aber immer wiegen sie schwer, hallen nach, obwohl ihnen eine unaufgeregte Beiläufigkeit anhaftet.

In manchen Texten bricht Humor durch: etwa im liebevoll gezeichneten Verwirrspiel einer altersdementen Mutter und ihrer Tochter, die beide ins Pflegeheim kommen und die sich zum Verwechseln ähneln. Stark ist der Bericht einer Mutter, die ihr zu spät nach Hause kommendes Kind ohne Nachtessen ins Bett schickt und ob ihrer eigenen erzieherischen Sanktion ins emotionale Wanken gerät. Verstörend die Erzählung einer Krankenpflegerin, die in einem sterbenskranken Patienten ihren ehemaligen Peiniger wiedererkennt.

Für Frauen stellt sich beim Lesen von Lisa Elsässers Texten eine merkwürdige Vertrautheit ein. Dies, obwohl die Tonalität in ihrem Erzählband schnörkellos und stellenweise auch etwas unheimlich ist. Denn die Autorin gräbt tief: «Das leere Blatt liegt vor mir, die Unruhe, die Unterwelt der Wörter, die Unterwelt, in die ich mich setze, um ihnen näher zu sein.»

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