Nr. 41/2013 vom 10.10.2013

Vom «Refugium» auf die Weltbühne geblickt

Eine afrikanische Erziehung mit Europa als Bezugspunkt. Eine Jugend zwischen sozialpolitischer Rebellion und Berufung zum Schreiben. Der Kenianer Ngugi wa Thiong’o schildert das unaufgeregt, aber präzis.

Von Ulrike Baureithel

Ngugi wa Thiong’o: «Es braucht einen Fremden wie mich, das zu betrachten, wozu man selbst keine Zeit hat.» Foto: Daniel A. Anderson

Er wird immer wieder als Anwärter für den Nobelpreis gehandelt: der 1938 geborene Ngugi wa Thiong’o. Jetzt ist sein Bericht über seine Jugendjahre in einer kenianischen Missionsschule auf Deutsch erschienen.

Als sich in den siebziger Jahren Afrika mit einem gewaltigen Befreiungsimpuls in das Weltgeschehen zurückmeldete, begannen die westlichen Verlage, die Literatur des Schwarzen Kontinents zu erkunden. Damals erschienen auch in westdeutschen und Schweizer Verlagen Anthologien mit Erzählungen mehr oder minder unbekannter Autoren aus afrikanischen Ländern. In einer bei Suhrkamp herausgegebenen Sammlung mit dem schönen Titel «Der Neger vom Dienst» (1980) findet sich auch eine Geschichte von Ngugi wa Thiong’o, «Das Mercedes-Begräbnis». Herausgeber Rüdiger Jestel deutete die Erzählung als ein Beispiel für die enttäuschten Hoffnungen der AfrikanerInnen nach der Unabhängigkeit.

Heute kümmert sich um Thiong’o nicht etwa ein Grossverlag, sondern der kleine Münchner A1-Verlag. Er publizierte das tausend Seiten umfassende Hauptwerk «Herr der Krähen» (2011) und den Bericht über die in ärmlichen Verhältnissen verbrachte Kindheit «Träume in Zeiten des Krieges» (2010). Ihnen folgt nun «Im Haus des Hüters», der Band über die Jugendjahre, die Thiong’o in den fünfziger Jahren in einer Missionsschule in Kikuyu erlebte. Es ist die Zeit der Mau-Mau-Widerstandsbewegung gegen das britische Kolonialregime, der auch einer von Thiong’os älteren Brüdern angehört.

Die Schuluniform als Schutz

«Im Haus des Hüters» ist ein klassischer Entwicklungsroman. Er setzt 1955 ein mit dem ersten Trimester des jungen Thiong’o an der Alliance High School, der ersten Oberschule für schwarze Kenianer, in der vorwiegend Lehrer ausgebildet wurden. Dem Siebzehnjährigen gewährt sie zunächst einmal Schutz vor dem gewalttätigen Alltag in Kenia, der auch auf Limuru, seinen Geburtsort, übergreift. Thiong’o wähnt sich dort in einem «Konzentrationslagerdorf», von dem er innerlich bereits Abstand genommen hat: «Es braucht einen Fremden wie mich, das zu betrachten, wozu man selbst keine Zeit hat.»

Die Entfremdung von seiner Herkunftsgemeinschaft korrespondiert mit irritierenden Erfahrungen in der Missionsschule. Dort stehen – undenkbar in seinem Dorf – beschnittene und unbeschnittene Jungen zusammen unter der Dusche, Thiong’o liegt zum ersten Mal in seinem Leben in einem eigenen Bett, weisse Lehrer lehren ihn, mit Messer und Gabel zu essen – und er trägt eine Schuluniform, die ihn vor den Übergriffen der Kolonialsoldaten schützt.

Zunehmend erkennt er aber auch, dass all das, was ihm vermittelt wird, einen zentralen Bezugspunkt hat, nämlich Europa. Afrika erscheint ausschliesslich aus imperialistischer Perspektive: «Unsere Zukunft wurde in England gemacht.» Auf der Suche nach einer neuen Identität flüchtet sich der Heranwachsende in religiöse Erweckungserlebnisse – und in das von der Schule geförderte Theaterspiel, die Grundlage für die spätere Entwicklung als Schriftsteller.

Das Leben des Schülers verschränkt Thiong’o mit den politischen Ereignissen in Kenia und in Afrika, die der junge Mann aus seinem «Refugium» heraus beobachtet. Waren ihm die Mau-Mau-Aktivisten früher überlebensgross vorgekommen, erscheinen ihm die neuen «Darsteller nun auf einer Bühne, die ich überschauen konnte». Die Jungen werden Zeugen ihrer Auftritte und Abgänge – die Theatermetapher zieht sich durch den gesamten Bericht.

Nach drei Jahren hat sich Thiong’o für die Makerere-Universität in Uganda qualifiziert, eine wichtige Etappe der künftigen afrikanischen Elite. Doch vorher bekommt er es mit den «Bluthunden» zu tun: Er wird anlässlich einer Razzia inhaftiert und erlebt die Willkür der Kolonialmacht.

Sprachliches Understatement

Der chronologische Bericht überrascht durch die einfache Sprache. Ngugi wa Thiong’o ist der einzige schwarze Schriftsteller von Weltrang, der in seiner Muttersprache Gikuyu schreibt und seine Werke selbst ins Englische übersetzt. Das ist bemerkenswert für einen im Exil lebenden, in Yale und an der University of California Englisch unterrichtenden Autor. Er hatte einst fliehen müssen, weil eines seiner Theaterstücke 1977 den Unwillen des kenianischen Präsidenten Jomo Kenyatta erregt hatte; dieser liess Thiong’o foltern und seine Werke verbieten.

Schon in Kenia hatte sich Thiong’o mit dem Problem der Kolonialsprachen für afrikanische Autoren auseinandergesetzt. Gikuyu zu sprechen, war an seiner Schule verboten. Sein sprachliches Understatement geht auf einen weissen Literaturlehrer zurück, der seine Schüler aufforderte, keine Wörter mit lateinischen, sondern nur solche mit englischen Wurzeln zu verwenden und von der Bibel zu lernen, denn Jesus habe ein sehr einfaches Englisch gesprochen. Aus der King-James-Bibel, so Thiong’o, «lernte ich, das Einfache, das Zusammengesetzte und das Vielfältige miteinander zu unterschiedlicher Wirkung zu bringen».

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