Nr. 42/2013 vom 17.10.2013

Der Klassenhass von oben

Rücksichtslos, faul, sozialhilfesüchtig – so sieht die britische Oberschicht die immer zahlreicheren Armen im Land. Die Typisierung dient nicht nur der eigenen Rechtfertigung.

Von Pit Wuhrer

Es ist schon eine Weile her, dass Warren Buffet – einer der reichsten Männer der Welt – die zunehmende Ungleichheit auf einen Nenner brachte. «Es herrscht Klassenkrieg», sagte er in einem Interview mit der «New York Times», «meine Klasse, die der Reichen, hat ihn begonnen. Und wir werden ihn gewinnen.» Das Interview wurde 2006 geführt, zwei Jahre vor Ausbruch der Finanzmarktkrise, und seither wird dieser Klassenkampf von oben noch schärfer geführt.

In Britannien etwa hat das Kabinett der MillionärInnen in den letzten Wochen nicht nur die Privatisierung der Staatspost Royal Mail beschlossen, sondern auch Massnahmen gegen die ach so faulen und unmotivierten Langzeitarbeitslosen angekündigt, die auf Staatskosten in sozialen Hängematten rumlümmeln: Künftig sollen sich diese VersagerInnen endlich mal anstrengen, sich täglich bei den Arbeitsagenturen melden und gratis öffentliche Tätigkeiten verrichten. Als Premierminister David Cameron dies am Parteitag der Konservativen vor zwei Wochen bekannt gab, applaudierten nicht nur die Tory-Delegierten. Es klatschte – laut Umfragen – auch über die Hälfte der Bevölkerung, darunter auch jene, die wegen der britischen Austeritätspolitik ebenfalls in Armut und Arbeitslosigkeit abrutschen könnten.

In Konflikten stirbt die Wahrheit zuerst. Bei grossen Auseinandersetzungen kommt es nicht nur auf die Feuerkraft an (wie die der Finanzmärkte), sondern auch darauf, wer die Deutungshoheit hat – also auf die Propaganda. Und besonders wirksam ist diese, wenn sie auch den Feind beeinflussen und lähmen kann. Beim Klassenkrieg sind das die Lohnabhängigen, die Gewerkschaftsmitglieder, die Arbeitslosen, die Ausgeschlossenen.

«Chavs» und «Chavettes»

Aber wie funktioniert diese Propaganda? Wer nutzt in wessen Interesse welche Bilder? Und wie werden diese transportiert? Der britische Historiker und Journalist Owen Jones ist diesen Fragen nachgegangen. Er sprach mit konservativen Hardlinern, mit Politikerinnen, Wissenschaftlern, Gewerkschaftssekretären, Arbeiterinnen und Angestellten. Er prüfte Statistiken, untersuchte die Medienberichterstattung und analysierte die britische Klassengesellschaft. 2011 veröffentlichte er seine Ergebnisse im Buch «Chav», das in aktualisierter Form inzwischen auch auf Deutsch vorliegt.

«Chavs» – das neuenglische Wort ist erst seit wenigen Jahren in Umlauf – sind Unterschichtjugendliche, wie sie sich die Mittelklasse und die rechte Presse vorstellen: asoziale Rabauken mit Baseballkappen, Jogginghosen, Goldschmuck und imitierten Markenklamotten. Sie wachsen in Sozialwohnungen auf, kennen keine Disziplin, und die «Chavettes» haben nur im Sinn, möglich schnell schwanger zu werden. Dieser abwertende, beleidigende Begriff ist nur unzulänglich mit «Prolet» oder «Proll» ins Deutsche übertragbar.

«Chavs», das ist die Brut der Arbeiterklasse – einer Klasse, der in der britischen Dienstleistungsgesellschaft eigentlich niemand mehr angehören will und die es doch weiterhin gibt –, zwar nicht mehr in den Bergwerken, auf den Werften oder in riesigen Maschinenhallen, aber in Callcentern, Shoppingmalls und Putzkolonnen. Den neuen ArbeiterInnen (sie sind vor allem weiblich) zollen die gehobenen Schichten – anders als den Miners, den Schiffsbauern und Bandarbeitern – keinen Respekt mehr: Sie sind Abschaum und werden in Fernsehsendungen, TV-Soaps, auf Websites und auf Kommentarseiten vieler Zeitungen als solcher behandelt. Man spottet über sie – und hat doch gleichzeitig ein bisschen Angst vor ihnen.

Naserümpfende Liberale

Die Abwertung der Arbeiterklasse, schreibt Jones, begann zu Margaret Thatchers Zeiten, wurde unter New Labour fortgesetzt und ist mit der wachsenden sozialen Ungleichheit noch intensiver geworden. Die Dämonisierung ist das ideologische Fundament der Herrschenden: Nicht die sozialen Verhältnisse, die neoliberale Politik, das regressive britische Steuersystem oder die Ausbeutung sind schuld an der Verfestigung von Armut – nein, das sind die Armen selbst. Weil sie sich nicht bemühen, aus der Unterschicht herauszukommen. Weil sie dumm, zuwendungssüchtig und arbeitsscheu sind. Und weil sie keine Manieren haben.

Diese Verachtung der arbeitenden Klasse beschränkt sich nicht auf die Oxford-Elite, das Königshaus oder Rupert Murdochs Medien. Auch Liberale und Linke hätten sich von der Stimmung anstecken lassen, argumentiert Jones – etwa dann, wenn sie auf den Rassismus der weissen Arbeiterklasse herabsehen, ohne die gewaltsamen sozialen Bedingungen zu berücksichtigen, unter denen dieser entstanden ist. «Prolls» zeichnet facettenreich und faktenstark ein exaktes Bild der britischen Klassengesellschaft und rückt vieles zurecht. Alkoholsüchtige SozialhilfeempfängerInnen? Von wegen. In den oberen Schichten werden weitaus mehr Drogen konsumiert.

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