Nr. 42/2013 vom 17.10.2013

Verschleierte soziale Verhältnisse

Die meisten Beschäftigten in der Schweiz arbeiten im Dienstleistungssektor. Ist die Arbeiterschaft deshalb am Verschwinden?

Von Andreas Fagetti

Einst war die Schweiz ein Agrarstaat, ehe sie Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts eine rasante wirtschaftliche Entwicklung und Industrialisierung erlebte. Im Jahr 1900 zählte die Schweiz 1,6 Millionen Erwerbstätige, davon arbeiteten 0,7 Millionen in der Industrie und im Gewerbe. Das waren über vierzig Prozent der Beschäftigten – eine starke Arbeiterschaft entstand.

Die Zahl der Beschäftigten stieg bis Mitte des Jahrhunderts nochmals kräftig an, auf 2,8 Millionen Menschen. Der Anteil der IndustriearbeiterInnen und der Beschäftigten im Gewerbe stieg ebenfalls leicht. War bis dahin die Industrie der dominante Wirtschaftssektor, setzte in den sechziger Jahren ein Wandel hin zur sogenannten Dienstleistungsgesellschaft ein. Immer mehr Menschen mussten sich bei der Arbeit die Hände nicht mehr schmutzig machen. Das Wachstum der Beschäftigung nach 1960 von 2,8 Millionen auf 4,5 Millionen im Jahr 2009 verdankte man den Dienstleistungsbranchen.

Emanzipation und Globalisierung

Heute arbeiten über siebzig Prozent der Beschäftigten in Dienstleistungsberufen, das sind über drei Millionen Menschen. Daher beherrscht der Glaube die öffentliche Wahrnehmung, die Schweiz sei im Wesentlichen eine Mittelschichts- und Angestelltengesellschaft, in der die Mehrheit anständig verdiene. «Der Arbeiter» und alles, was das impliziert (prekäre Arbeit, Lohnkämpfe, Streiks, Klassenbewusstsein), habe sich historisch überholt und sei am Verschwinden.

Das stimmt in zweierlei Hinsicht nicht: Der Industriesektor verlor zwar an Bedeutung, ist aber trotz allem kein Auslaufmodell; längst nicht alle Angestellten und DienstleisterInnen zählen zur Mittelschicht, sind Banker, Versicherungsangestellte, Managerinnen oder Rechtsberater. Zu diesem komplexen und dynamischen Wandel der Arbeitswelt gehören ganz entscheidend auch die Emanzipationsbewegung der Frauen und das veränderte Geschlechterverhältnis, die Globalisierung und die Rekrutierung von AusländerInnen für den hiesigen Arbeitsmarkt.

Mit diesem Wandel beschäftigen sich die GewerkschafterInnen Vania Alleva, Andreas Rieger und Pascal Pfister in ihrem kompakten und verständlich geschriebenen Buch «Verkannte Arbeit». Die Gewerkschaften selbst «verschliefen» die Organisation jener Zehntausenden von Dienstleistenden lange. Erst vor einem Jahrzehnt begann der Schweizerische Gewerkschaftsbund mit der Aufbauarbeit im tertiären Sektor. Mittlerweile organisiert die grösste Schweizer Gewerkschaft, die Unia, 50 000 Beschäftigte aus dem Dienstleistungsbereich.

Erhellend und praktisch

Die Analyse der AutorInnen zeigt auf, dass die meisten Dienstleistenden sozial viel näher bei der Arbeiterschaft sind als bei den Mittelschichten. Zwei Drittel der Angestellten im Dienstleistungssektor verdienen weniger als 6000 Franken im Monat, Aufstiegschancen sind kaum gegeben. Die Untersuchung begnügt sich aber nicht mit historischen und soziologischen Analysen. Sie lässt die Arbeitenden zu Wort kommen. Pascal Pfister hat Interviews mit Leuten aus dem Gastgewerbe, dem Verkaufs-, Museums-, Transport- und Sicherheitswesen geführt.

«Verkannte Arbeit» ist ein wichtiges Buch, weil es jenen Menschen ein Gesicht gibt, ohne deren Arbeit die Schweiz nicht funktionieren würde; es ist ein erhellendes Buch, weil es verschleierte soziale Verhältnisse sichtbar macht; und es ist ein praktisches Buch, weil es gute Argumente liefert für die politische Auseinandersetzung, zum Beispiel für einen anständigen Mindestlohn.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 88-385775-2
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH 75 0900 0000 8838 5775 2
Verwendungszweck Spende woz.ch