Nr. 43/2013 vom 24.10.2013

Darius Kopp im Porzellanladen

In ihrem neuen Roman, der mit dem Deutschen Buchpreis 2013 ausgezeichnet wurde, erzählt Terézia Mora von der Verzweiflung einer Frau aus der Sicht des verständnislosen Ehemanns.

Von Eva Pfister

Ein Strich teilt die Seiten dieses Buchs und zwingt die LeserInnen dazu, doppelt zu lesen: Auf der oberen Hälfte erfahren wir, wie es Darius Kopp nach dem Freitod seiner Frau ergeht, auf der unteren, warum Flora sich umgebracht hat. Der IT-Spezialist ist zunächst völlig apathisch und überlebt nur mithilfe seiner Freunde. Dann bricht er auf und fährt los, nach Ungarn, in das Herkunftsland seiner Frau, wo er hofft, mehr über sie zu erfahren und einen Ort zu finden, an dem er ihre Urne bestatten könnte, einen Ort, der ihr Heimat war.

Irrfahrten durch Südosteuropa

Darius Kopp wird diesen Ort nicht finden, denn wie er es auf seine flapsige Art zusammenfasst: «Meine Frau war ein Bastard (sag: uneheliches Kind), der Vater unbekannt, die Mutter ein nervliches Wrack.» So viel hat ihm Flora wohl erzählt, aber sonst wusste er nicht viel von seiner Frau. Diese bittere Erkenntnis verschafft ihm die Lektüre der in Ungarisch verfassten Dateien, die er auf ihrem Laptop fand und übersetzen liess.

Es sind diese Texte, die unter dem Strich stehen, sie stören unsere Lektüre ebenso, wie sie Darius Kopp auf seiner Reise verstören. Nichts wusste er von den tiefen Depressionen seiner Frau, von ihrer lieblosen Kindheit, von den traumatischen Erfahrungen ihrer Jugend, von den Überlebenskämpfen der Fremden, die in Berlin Fuss zu fassen suchte, von ihren Albträumen und lyrischen Versuchen. Kein Wunder, fiel er aus allen Wolken, als sie sich umbrachte. So nimmt man zumindest an, bis einen die weitere Lektüre des 680-seitigen Buchs eines Besseren belehrt.

Der Roman «Das Ungeheuer», der mit dem Deutschen Buchpreis 2013 ausgezeichnet wurde, bezieht seine besondere Spannung aus der Diskrepanz zwischen der Ignoranz des naiv-liebevollen Mannes und der Depressionsstudie unter dem Strich, vor allem, wenn man ihn mit dem vorigen Buch der Autorin in Zusammenhang bringt. «Der einzige Mann auf dem Kontinent» von 2009 erzählt vom Absturz Darius Kopps aus der Arbeitswelt. Ist er eben noch stolz darauf, der einzige Sales Manager für Mittel- und Osteuropa zu sein, merkt er bald, dass er unfähig ist, WLAN-Netzwerke zu verkaufen, wird entlassen und gerät ins Straucheln. Selbstverliebt, wie er ist, hält er sich für den besten Ehemann der Welt, aber die LeserInnen zweifeln bald daran, denn Flora wirkt seltsam passiv, nachsichtig und liebevoll, aber auch unglücklich.

Jetzt hat also die Autorin Terézia Mora die Nebenfigur ihres letzten Romans aus der Ecke geholt und schildert die vergangenen Jahre aus Floras Sicht, wenn auch nur in ihren hinterlassenen Dateien oder gefiltert durch den Bewusstseinsstrom des Mannes. Noch immer ist Darius Kopp der Held des Buchs, ein übergewichtiger Chaotiker, simpel im Geist und nicht unsympathisch, zärtlich, aber doch unsensibel, sodass am Ende die Frage im Raum steht, ob das titelgebende «Ungeheuer» wirklich die Depression meint oder nicht doch den Elefanten im Porzellanladen von Floras Psyche. Zumal Darius Kopp nach langen Irrfahrten durch Südosteuropa mit Abstechern nach Georgien und Armenien immer stärker seinen verdrängten Erinnerungen ausgeliefert ist und sich schliesslich eingestehen muss, dass er sich teilweise auch ungeheuerlich verhalten hat. Und das, nachdem er lange vor sich selbst den Empörten spielte: Wie konnte Flora sich nur umbringen, wo er ihr doch zu Füssen lag?

Darius Kopps Trauerarbeit ist eingebettet in ein prall erzähltes Roadmovie mit vielen spannenden Schauplätzen und teils skurrilen Nebenfiguren. Die in Ungarn geborene Terézia Mora ist eine brillante Erzählerin; für ihre Erzählung «Der Fall Ophelia» erhielt sie 1999 den Ingeborg-Bachmann-Preis. Der Text erschien in ihrem ersten Buch, dem Erzählband «Seltsame Materie». Für den Roman «Alle Tage» erhielt sie 2004 den Preis der Leipziger Buchmesse.

Auch da ist der Held ein Mann

Die gebrochene Erzählperspektive ist literarisch hochinteressant und ausdrucksstark, aber nach der Lektüre dieses zweiten Darius-Kopp-Romans (es soll noch einen dritten geben) fragt man sich doch, warum die Autorin nicht aus der Perspektive ihrer heimlichen Heldin schreiben mag. Denn auffallend ist, dass es eigentlich Floras Erfahrungen sind, die schon Moras erstem Roman, «Alle Tage», zugrunde liegen, der von der traumatischen Ankunft eines Fremdlings in Berlin erzählt. Aber auch da ist der Held ein Mann.

Hat es damit zu tun, dass Mora, wie sie selbst bekannte, sich eine neue Identität zulegen musste, um schreiben zu können? Das Mädchen aus einer armen Familie, das nach seiner Geburt 1971 in einem Dorf an der österreichisch-ungarischen Grenze aufwuchs, fühlte sich nicht dazu berechtigt, Schriftstellerin zu werden, wie sie erzählte. Erst in der fremden Sprache, an einem neuen Ort und mit einem Künstlernamen habe sie sich das «angemasst». Gehört zu dieser neuen Identität auch der fremde Blick?

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