Nr. 44/2013 vom 31.10.2013

Neoleninistisches Geschwurbel

Die postmoderne Kritik hat jedes linke Engagement aufgegeben. Milo Rau verspricht Abhilfe durch den wahren Leninismus.

Von Stefan Howald

«Intelligent leben» heisst eine neue Reihe von Essays im Verlag Kein & Aber, von der bisher fünf Bändchen erschienen sind. Nachdem ich die Nummer vier von Milo Rau gelesen habe, bin ich vorläufig mit Intelligenz eingedeckt.

Rau ist mit seinen Reenactments international bekannt geworden, in denen er aktuelle Konflikte als reale Gerichtsprozesse nachinszeniert. In seinem jüngsten Essay rechnet er mit der «postmodernen Vernunft» ab. Darunter sind zuerst einmal alle «linken Geschichtslehrer» zu verstehen, deren abgelutschte lustfeindliche Aufklärung derjenigen «einer völlig impotenten Vaterfigur» gleicht, dazu die labernden «leicht angegrauten Gauchistes», bei denen nur noch das «kulturell und biologisch konditionierte Ego» zählt. Zweitens sind da die SystemtheoretikerInnen der luhmannschen Schule, die den Menschen abgeschafft haben und der hypnotischen Coolness huldigen; postmodern verdorben sind ferner alle anderen Rest- oder Neulinken, die etwa die Forderungen von Occupy «hysterisch und kindisch» vertreten, Theorien von «Gramsci über Zapata bis Simone Weil» kulturindustriell «verramscht» haben oder der phantomartigen «Multitude» huldigen; auch die neue Interkultur ist bloss eine «ultraliberale Schlussfolgerung» und ein Theoretiker wie Harald Welzer politisch verderblich anschlussfähig. Diesen, uns allen wirft Rau nicht in erster Linie vor, dass wir nicht wüssten, was Sache sei, im Gegenteil; sie, wir wüssten es, hätten aber jede Opposition aufgegeben, uns abgefunden mit den herrschenden Zuständen, würden nur noch einverständig Scheingefechte und Reparaturarbeit betreiben.

So weit, so mässig unterhaltsam.

Gegenüber dem globalen linken Ausverkauf, dem Verrat, der Resignation undsoweiter steht das verlorene Häuflein jener, die «tatsächliche Kapitalismuskritik» betreiben, die an einem «kollektiv-universalistischen Befreiungsprojekt» und dem «real existierenden Kommunismus», dem «Eigentlichen am kommunistischen Experiment» festhalten. Eigentlich habe ich gemeint, dass das Eigentliche seit Theodor W. Adornos Kritik am «Jargon der Eigentlichkeit» überwunden sei, wie überhaupt jeder Essenzialismus des Tatsächlichen und des wahren Inhalts. Abgesehen davon ist die Rettung des Kommunismus ein honorabler Anspruch.

Der Kern der Erkenntnis

Wie Raus wahre Kritik aussieht und was ihre Resultate sind, lässt sich aus gelegentlichen Versatzstücken zusammenstoppeln. Also: Der Populismus ist mehrheitsfähig geworden, Sexismus und Rassismus sind immer noch wirksam, und man muss immer auch nach der Macht fragen. Abgesehen davon, dass die Kritik des Populismus linkes Allgemeingut ist, Sexismus und Rassismus von allen linken Geschichtslehrern angeprangert werden und selbst in WOZ-Artikeln gelegentlich die Macht thematisiert wird, ist das alles nicht unrichtig.

Aber Rau geht weiter. Der Kern seiner allein rettenden Kritik ist nämlich die Erkenntnis: «Es bestimmt der, der das Sagen hat. Es bestimmt das System», wobei «das System» kursiv gesetzt wird, damit es auch alle begreifen. Was aber ist das System? Nun, das System ist natürlich der Kapitalismus. Aber was ist der Kapitalismus? Nun, der Kapitalismus ist die Erkenntnis, dass «der Kapitalismus genau so und nur genau so funktioniert», wobei «nur» kursiv gesetzt ist. Abgesehen davon, dass das eine Tautologie ist, die sich vor der realen Geschichte des sich verändernden Kapitalismus längst blamiert hat, ist ein verstärkter «Klassenkampf» gegen den Kapitalismus durchaus begrüssenswert.

Allerdings wird es jetzt ein wenig schwierig. Denn einerseits ist der Kapitalismus «zweifellos dem Untergang geweiht», und alle wissen, «dass die menschliche Zivilisation zu Ende geht, und zwar endgültig und unter gewaltigem Gelächter». Ich würde das in Umkehr des früheren linken Fortschrittsoptimismus den teleologischen Fortschrittspessimismus nennen.

Andererseits wächst doch das Rettende auch, weil es nämlich unsere «historische Pflicht» ist, «den Kapitalismus kraft seiner eigenen Widersprüche zu zerstören». Zwar ist nicht klar, wer in diesem Satz das historische Subjekt ist – wir, die den Kapitalismus pflichtgemäss zerstören, oder der Kapitalismus, der sich kraft seiner eigenen Widersprüche zerstört? –, und zudem ist es immer wieder frappierend, wie Leute, die dem Kapitalismus alles Böse zutrauen, dessen Regenerationsfähigkeit via Krisen unterschätzen. Abgesehen davon muss sich die eigentliche Kritik mit solchen Präzisierungen nicht abgeben und darf bei der abstrakten Negation stehen bleiben.

Eine utopische Dialektik

Was diese Kritik allerdings nach Rau nicht darf, ist, «völlig simpel und leninistisch» gesagt, die «Revision anstelle der Revolution» betreiben.

Tja, Lenin. Der geistert seit einiger Zeit als blutroter Widerschein durch die radikalen Diskurse; als Chiffre aus eisiger Höhe der Abstraktion bei Alain Badiou, als lustvolle Provokation bei Slavoj Zizek. Postmodern clever nimmt Milo Rau die mögliche Kritik an Lenin vorweg. Der frühe anarchisch-spontane und der spätere bürokratische sind beide schrecklich oder zumindest untauglich. Deshalb braucht es in einer «utopischen Dialektik» den «doppelten Lenin»; die letzten wahren Kommunisten-Leninisten müssen «auf unrealistische Weise realistisch» sein, brauchen einen «besseren Realismus», eine «spekulative Vernünftigkeit». Solche Worte perlen schön auf der Zunge. Ein paar Sätze später ist dann das Büchlein mit seinen Ratschlägen übers «Was tun?» am Ende.

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