Nr. 44/2013 vom 31.10.2013

Wenn Frauen den besten Käse machen

Ein Buch mit eindrücklichen Fotos lässt Älplerinnen zu Wort kommen.

Von Bettina Dyttrich

Alpbücher, Alpfilme, Anlässe wie das «Prättigauer Alp Spektakel»: Der Traum vom Alpleben boomt. Diverse Porträtbücher und Erlebnisberichte sind in den letzten Jahren erschienen. «Traum Alp» stellt nun Frauen in den Mittelpunkt, die auf Alpen arbeiten – allein, mit der Familie oder in Teams. Der Untertitel «Älplerinnen im Porträt» stimmt nicht ganz. Die Texte sind keine Porträts: Autorin Daniela Schwegler lässt die Frauen selber reden.

Dass Frauen auf die Alp gehen, erregt heute kein Aufsehen mehr. Einige Älplerinnen thematisieren ihre Rolle auch gar nicht. Andere schon, am deutlichsten Renate Telser, Sennin der riesigen Ziegenalp Malschüel oberhalb von Buchs SG und ehemalige Vorsitzende des Südtiroler Frauenarchivs. «Als Frauen mussten wir mehr leisten, um respektiert zu werden», sagt sie am Ende des Sommers – sie hat die Maximalpunktzahl in der Käseprämierung erreicht. Nachdenklich macht die Geschichte der Hirtin Susanne Gross, deren Ehe mit einem Bergbauern auch am Streit um Rollenverteilung und Haushalt scheiterte.

Beim Lesen und Betrachten der eindrücklichen Fotos von Vanessa Püntener zeigt sich, wie vielfältig die Alplandschaft Schweiz ist. Auf Malschüel melken zwei Frauen (mit Maschine) 256 Geissen, und die Hirtin sagt: «Hier geht alles zack, zack, wie im Industriebetrieb. Es bleibt kaum Zeit, aufs einzelne Tier einzugehen.» Im Kontrast dazu steht die Bödmerenalp in Muotathal SZ mit einer Hütte ohne Strom und Wasser, wo zwei Frauen (von Hand) 16 Geissen melken und einige Rinder und Mutterkühe betreuen. Manche Frauen gehen aus Spass und Idealismus z’Alp, für andere ist der Alplohn ein wichtiger Teil des Einkommens: Auf der Muttner Alp bei Thusis GR kommt die Älplerin immerhin auf 165 Franken Tageslohn – bei zwölf Stunden Arbeit ist das aber auch nicht sehr viel.

Eine Erklärung der verschiedenen Strukturen – die viel mit dem Unterschied zwischen Privatalpen und Gemeinschaftsalpen zu tun haben – und Lohnvergleiche wären spannend gewesen. Doch Schwegler liefert leider kaum Hintergrundinfos, sie konzentriert sich ganz auf die Personen. Was hier wie in vielen anderen Publikationen fehlt, sind Blicke über die Alp hinaus, die auch die Talbetriebe und die Agrarpolitik einbeziehen. Da es auch im Berggebiet immer weniger Höfe gibt, fehlen in Alpgenossenschaften zunehmend die Menschen für die aufwendigen Organisations- und Unterhaltsarbeiten. Vielerorts fehlt auch das Vieh – manch ein Milchproduzent behält seine anfälligen Hochleistungskühe lieber das ganze Jahr daheim, als ihnen die Strapazen einer Alp zuzumuten. Aber ohne Alpung, ohne Bergbauernhöfe gibt es irgendwann auch keine Alpleute zum Porträtieren mehr.

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