Nr. 45/2013 vom 07.11.2013

Treue (ist eine Tugend)

Bis heute wird Treue vor allem als löbliche Eigenschaft beurteilt. Je nach Situation kann sie aber auch fatal sein.

Von Adrian Riklin

Unlängst hat sich Marcel Koller nach langem Ringen mit sich selbst, wie er sagte, für die Weiterführung seiner Tätigkeit als Trainer der österreichischen Fussballnationalmannschaft entschieden – und gegen einen Vertrag als Trainer des Schweizer Teams. Koller wird gemeinhin als treuer Mensch bezeichnet. Als Spieler hat er in seiner ganzen Karriere für nur einen einzigen Klub gespielt: für die Grasshoppers Zürich. Diese «Treue» wird ihm nun in Medien in Österreich wie auch in der Schweiz attestiert.

Bemerkenswert an Kollers Entscheid ist, dass er sich gegen sein Heimatland entschieden hat – umso mehr, als der Schweizer Auswahl eine glanzvolle Zukunft prognostiziert wird. An Kollers Beispiel lässt sich aber auch die Relativität des Treuebegriffs aufzeigen: Treue ist immer relativ. Es kommt ganz darauf an, aus welcher Warte und mit welchen Interessen man einen Entscheid wie den von Koller beurteilt.

Was aber ist nun diese viel beschworene Treue? Das mittelhochdeutsche Wort «triuwe» kommt von «truwen», was so viel bedeutet wie «fest sein, sicher sein». Bei den GermanInnen war der Begriff zentraler Bestandteil der Tugendlehre. Die Etymologie gibt auch einen Hinweis darauf, dass Treue oft in die Nähe zur Wahrheit gestellt wurde: So ist das Wort mit dem englischen «true» (das Wahre) verwandt.

Nun gibt es bis heute Rituale, mit denen sich Treue symbolisieren oder zementieren lässt: durch einen Ring, mit dem sich ein Paar dauerhafte Liebe verspricht. Oder mit einem Schwur, mit dem ein gemeinsames Projekt besiegelt wird. Entsprechend dramatisch kann unter solchen Vorgaben der Treuebruch sein – nicht selten werden Menschen, die einen solchen Bruch vollziehen, Verräter genannt.

Immerhin haben im Fall Koller die meisten Schweizer Medien verständnisvoll auf seinen Entscheid reagiert. Auch hierzulande attestieren ihm KommentatorInnen Respekt für «seinen mutigen Entscheid». Derweil in Österreich sein Entscheid geradezu gefeiert wurde – nicht ohne dass ihm der eine oder andere Kommentator in den Tagen zuvor bereits Treuebruch vorgeworfen hatte in der Annahme, Koller habe sich innerlich bereits für den besser dotierten Vertrag in seinem Heimatland entschieden und pokere nur noch um bessere Bedingungen.

Was immer im Innern von Marcel Koller den Ausschlag gegeben hat: Es ist problematisch, den Begriff der Treue ins Spiel zu bringen. Zumindest stellt sich die Frage: Worauf bezieht sich die Treue? Treu sein kann man gegenüber einem Menschen, einer Gruppe von Menschen oder einer Familie ebenso wie gegenüber einer Nation, einer Region, einer Ästhetik, einer Idee – oder einer Ideologie. Das heisst, dass man zugleich der einen Sache treu und einer anderen untreu sein kann. Es ist also eine komplizierte Angelegenheit. Und zuweilen gefährlich: In Fällen, in denen ein Mensch gegenüber einer unmenschlichen Ideologie treu ist, ist diese seine Treue aus menschlicher Sicht gewiss nicht positiv zu bewerten. Treue an und für sich hat also keinen Wert. Ihr moralischer Wert zeigt sich erst im Objekt, das sie sich gewählt hat.

Loyalität kann ganz schrecklich sein. Das betrifft auch die viel zitierte «Treue zu sich selbst», mit der sich so manche Untat rechtfertigen möchte. Begründet jemand sein Verhalten damit, dass er halt eben zu seinen Grundsätzen stehe, so ist das oft eine fatale Nullaussage. Kein Wunder, wurde Treue im Nationalsozialismus derart hochgehalten – als Hauptmerkmal germanischer Kultur. Das ging so weit, dass die Treue zum «Führer» zur gesellschaftlichen Pflicht erklärt wurde. Nur schon die kleinste Untreue war lebensgefährlich. So wie sich in mancher «Treue» je nach Fall gemeine Faulheit oder pure Feigheit verbirgt, kann Untreue je nach Situation in moralischer Hinsicht nicht genug gewürdigt werden. Manche «VerräterInnen» hätten einen Untreueorden verdient.

Vor allem aber besteht ein erheblicher Unterschied darin, ob man gegenüber den Herrschenden treu ist – oder gegenüber den Unterdrückten. Der österreichische Schriftsteller Karl Kraus (1874–1936) hat dazu einen denkwürdigen Satz geschrieben: «Kein Zweifel, der Hund ist treu. Aber sollen wir uns deshalb ein Beispiel an ihm nehmen? Er ist doch dem Menschen treu und nicht dem Hund.»

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