Nr. 46/2013 vom 14.11.2013

Ein junges Land sucht seinen Platz

Warum die bisherigen Reformen in Brasilien nicht genügen: Informativ und anschaulich geschrieben, trägt ein Sachbuch von Verena Meier zu einem besseren Verständnis des Landes bei.

Von Sonja Wenger

Brasilien ist allgegenwärtig: 2013 war es Gastland der Frankfurter Buchmesse, 2014 wird im Land die Fussballweltmeisterschaft ausgetragen und 2016 gleich auch noch die Olympischen Sommerspiele; Filmfestivals und Sonderbeilagen widmen Brasilien Themenblöcke, und die Proteste der Bevölkerung seit Frühsommer für mehr soziale Gerechtigkeit haben ein grosses mediales Echo gefunden.

Doch die Aussenwahrnehmung wird weiterhin geprägt von einem bunten Klischeemix aus Samba, Karneval, Fussball, Lebensfreude, Rios Stränden und Gewaltexzessen in den Favelas. Und tatsächlich bestimmen Widersprüche den Alltag. So herrscht in der sechstgrössten Volkswirtschaft der Welt, in der AnlegerInnen sowie Rohstoff- und Energieunternehmen aus der ganzen Welt nach Investitionen drängeln, noch immer weitverbreitete Armut, die durch eine strukturell bedingte und massive soziale Ungleichheit verursacht wird. Und trotz einer stark durchmischten Gesellschaft, einer enormen kulturellen Vielfalt und aktiver sozialer Bewegungen dominiert ein tief sitzender Rassismus in fast allen sozialen Schichten das Zusammenleben der 192 Millionen BrasilianerInnen.

Die Folgen des Booms

Um solche Widersprüche begreifen zu können, braucht es Hintergrundinformationen. Das kürzlich im Rotpunktverlag erschienene Länderbuch «Brasilien. Land der Gegenwart» der Schweizer Autorin Verena Meier bietet hier Hilfe. Mit einem kundigen Blick in die Geschichte des Landes hilft das Buch, die Verhältnisse von heute zu verstehen, ohne damit, so die Autorin, «Legitimation oder Determinismus» zu betreiben. Auf etwas über 200 Seiten gelingt es der Sozial- und Wirtschaftsgeografin Meier, einen Bogen zu schlagen über 500 Jahre Kolonialismus und Ressourcenraubbau, die historischen und politischen Ereignisse seit der Unabhängigkeit Brasiliens 1822 sowie die sozioökonomischen Entwicklungen aufzuzeigen und künftige Perspektiven zu skizzieren – und dabei erst noch eine Menge spannender Geschichten zu erzählen. Besondere Erwähnung verdient auch die bildhafte, fast poetische Sprache der Autorin, die das Lesen zum Vergnügen macht.

So schildert Meier mit grossem Fingerspitzengefühl die schreckliche Geschichte der frühen Kolonisation durch die PortugiesInnen im 16. Jahrhundert und der von ihnen eingeführten Sklaverei von ihren Anfängen bis hin zu modernen Formen der extremen Ausbeutung. Sie illustriert den Hergang und die Folgen des Kautschuk-, des Kaffee- und des Zuckerrohrbooms und erzählt anschaulich von der Situation im Hinterland. Dazu porträtiert sie vier der grössten respektive wichtigsten Städte: Brasília, Rio de Janeiro, Recife und São Paulo.

Stets zieht sie dabei die geografischen und demografischen Begebenheiten mit in Betracht, etwa wenn es um den Ursprung, die Funktionsweise und die Bedeutung des tropischen Regenwaldes oder die Welt der Edelsteine im Bergbaugebiet von Minas Gerais geht. Meier spart allerdings nicht an Kritik, so bei der Agrar- und Energiepolitik Brasiliens, die Grossgrundbesitz und Monokulturen favorisiert, extreme Abholzung zulässt oder zerstörerische Projekte wie den Bau des Staudamms von Belo Monte vorantreibt, der den Lebensraum vieler indigener Gemeinden gefährdet. Auch die viel gerühmten sozialen Unterstützungsprojekte der linken Regierungen unter Präsident Luiz Inácio Lula da Silva und seiner Nachfolgerin Dilma Rousseff werden genauer unter die Lupe genommen. Denn obwohl sich in den letzten Jahren dank dieser Programme für Millionen BrasilianerInnen vieles verbessert hat, fehlt der politische Wille für tiefgreifendere Reformen, um die eingeleiteten Prozesse auch tatsächlich zum Erfolg zu bringen.

An Privilegien rütteln

Hierbei zeigt sich neben der enormen Informationsdichte eine weitere Stärke des Buchs. An mehreren Stellen fasst Meier knapp die Ursachen für die Grundprobleme des modernen Brasiliens zusammen, dessen Gesellschaft über einen sehr hohen Anteil an jungen Menschen verfügt. Diese Menschen fordern Zugang zu einer guten Ausbildung für alle, eine befriedigende Arbeit mit rechtlicher Absicherung, ein Ende der Gewalt, besseren Umweltschutz und – in Multimillionenstädten wie São Paulo zwingend – ein funktionierendes und bezahlbares Verkehrssystem. Um diese Forderungen zu erfüllen, braucht es etwa wirksameren Umweltschutz, eine Landreform und vor allem ein «gerechteres, effizienteres Justizsystem». Solche Massnahmen würden jedoch die über Jahrhunderte gesicherten Privilegien einer mächtigen Schicht aus Grossgrundbesitzern und Politikerinnen gefährden.

Aus dem «Land der Zukunft», wie Stefan Zweig ein 1941 erschienenes Buch über Brasilien betitelte, ist laut Meier inzwischen ein «Land der Gegenwart» geworden. Ihr Buch – das mit einem ausführlichen Quellenverzeichnis versehen ist und zum Weiterlesen animiert – zeigt, mit welchen Herausforderungen sich Brasilien konfrontiert sieht, wenn es seine positiven Errungenschaften bewahren will.

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