Nr. 47/2013 vom 21.11.2013

Der Mut im Kopf gegen die Angst im Bauch

Der Verein Wen-Do Zürich ist ein Kind der feministischen Bewegung der achtziger Jahre und bietet seit 25 Jahren Selbstverteidigungskurse für Frauen und Mädchen an. Dabei kommen längst nicht nur Fäuste zum Einsatz.

Von Noëmi Landolt (Text) und Ursula Häne (Foto)

Wen-Do-Trainerin Angela Müller bei der Arbeit mit jungen Frauen: Es ist wichtig, mit den verschiedensten Situationen klarzukommen.

Die Faust ist klein und zierlich. Sie saust nieder. «Ha!» Das Stück Holz zerspringt in zwei Teile. Jeanine* reibt sich ihre Hand, es surrt ein bisschen vom Schlag, aber das vergeht rasch wieder. Jeanine ist etwa vierzehn Jahre alt und hat soeben ein drei Zentimeter dickes Tannenholzbrett mit blosser Hand durchschlagen.

«Du musst dir einfach vorstellen, du haust auf Butter», erklärt sie. «Du musst dir denken, ich schaffe das, dann schaffst du es auch.» Jeanine besucht mit acht anderen Mädchen zwischen zwölf und sechzehn Jahren ein Wen-Do-Training in Zürich. Jeanines Kollegin Ariana*, gar nicht scheu, erzählt: «In der Sekundarschule wurde ich heftig gemobbt. Meine Sozialarbeiterin hat mich dann im Wen-Do angemeldet. Seither habe ich keine Probleme mehr. Ich bin viel selbstbewusster geworden.» Die anderen Mädchen nicken, ihnen geht es ähnlich.

Egal wie gross der Gegner ist

Wen-Do entstand 1972 in Kanada. Die internationale Frauenbewegung thematisierte das bisher unter dem Deckel gehaltene Thema der Gewalt gegen Frauen erstmals in der Öffentlichkeit. Zu jener Zeit wurden in Nordamerika und Europa die ersten Frauenhäuser eröffnet. Eine Gruppe von bewegten Frauen, die selbst auch Kampfsport betrieben, befasste sich mit der Frage, was zu tun sei, damit es gar nicht erst zu Übergriffen kommt. Manche von ihnen hatten die Erfahrung gemacht, dass auch ein schwarzer Gürtel im Judo nicht vor sexueller Belästigung schützt. Sie vereinten einfache Elemente aus den verschiedenen Kampfsportarten zum Wen-Do, einer Form der Selbstverteidigung ausschliesslich für Frauen und Mädchen. «Wen» steht dabei als Abkürzung für das englische Wort «women», «Do» ist das japanische Wort für Weg.

Die Bewegungen des Wen-Do sollten einfach zu lernen sein, auch ohne regelmässige und jahrelange Übung – einfach, aber effektiv. «Es sind keine schönen, eleganten Bewegungen, wie man sie aus Kampfsportarten kennt», sagt Eveline Müller, Trainerin im Verein Wen-Do Zürich, der dieses Jahr sein 25-jähriges Bestehen feiert. Die Bewegung muss nicht anmutig, die Technik nicht perfekt sein, wichtig ist deren Effektivität, dass sie anwendbar ist, egal wie gross der Gegner ist.

«Es gibt kein Richtig oder Falsch im Wen-Do», sagt auch Patrizia Giossi, ebenfalls Trainerin im Zürcher Verein. Es gehe in erster Linie darum, die eigenen Fähigkeiten zu stärken, sich selbst behaupten zu können. In jeder Stadt habe sich Wen-Do denn auch anders und eigenständig entwickelt. Gemeinsam bleibe jedoch die feministische, gesellschaftskritische Grundeinstellung. In Zürich arbeiten die Trainerinnen für Kurse an Schulen zwar regelmässig mit dem Verein «Respect! Selbstbehauptung für Jungs» zusammen, Wen-Do richtet sich aber nach wie vor ausschliesslich an Frauen und Mädchen. Im Rahmen der Transgender- und Queerbewegung dürften sich jedoch zukünftig neue Fragen stellen, wie Eveline Müller anmerkt.

Schreien gibt Sicherheit

Der Verein Wen-Do Zürich, der erste in der Schweiz, wurde im November 1988 von Frauen aus der autonomen Bewegung gegründet. Im damals besetzten Kanzleischulhaus gab es einen Frauenstock, in einem der Schulzimmer wurde ein Dojo eingerichtet. «Wen-Do war ein Bestandteil der Frauenbewegung», erzählt Patrizia Giossi, die damals auch im Kanzlei verkehrte, aber selbst noch nicht ins Wen-Do ging. «Der Fokus lag zu jener Zeit noch viel stärker auf körperlicher Selbstverteidigung, war viel näher beim Kampfsport als heute.» Dies zeigt auch die aktuelle Jubiläumspostkarte des Vereins mit einem Motiv aus jenen Anfangsjahren: einer Frau in kämpferischer Pose, die ihr Bein hoch in die Luft kickt. «Ein solches Motiv würden wir heute nicht mehr wählen», sagt Eveline Müller. «Es kann auch Hemmungen auslösen bei gewissen Frauen, die sich vielleicht denken: Ui nein, so hoch krieg ich mein Bein ja nie in die Luft.»

So hat sich in den letzten 25 Jahren der Fokus weg von den körperlichen Selbstverteidigungstechniken hin zu Selbstbehauptung verschoben, es kommen längst nicht nur bewegte Frauen ins Training. «Jede soll ihre eigene Form finden», sagt Eveline Müller. «Auch ich habe mir nach dem Grundkurs zunächst den einen Kick gemerkt, der mir gut lag, sowie zwei, drei Sätze. Und ich wusste: Schreien, das kann ich, das gibt mir Sicherheit.» So lautet auch der Slogan des Vereins Wen-Do: «Angst beginnt im Kopf – Mut auch!»

Der Verein Wen-Do Zürich wird als Kollektiv geführt, die sechs Trainerinnen, die alle noch einer anderen Erwerbsarbeit nachgehen, teilen sich auch die Büroarbeit auf, aus einem Topf mit den Einnahmen werden die Löhne zu gleichen Teilen ausgezahlt. «Der Verein Wen-Do ist in Zürich eines der wenigen feministischen, kollektiven Projekte aus den achtziger Jahren, die es noch gibt», sagt Patrizia Giossi. Der Verein bietet seit 25 Jahren regelmässige Grundkurse sowie Trainings für Frauen und Mädchen an, seit 2010 auch in Apulien, wo Giossi regelmässig hinreist und zusammen mit einer Schweizer Kollegin auch Trainerinnen ausbildet.

Der Körper spricht immer

«So zu tun, als wäre nichts, das können wir alle», sagt Patrizia Giossi zu Beginn eines Grundkurses für Erwachsene Mitte November. «Dafür brauchen wir kein Wen-Do.» Das Training ist anstrengend, nicht zuletzt auch emotional: sich sechs Stunden damit auseinandersetzen, wie frau sich bei Übergriffen am besten verhält. Wie reagiere ich auf Anmache? Wie stehe ich da? Die Körperhaltung ist wichtig. Dem Blick nicht ausweichen, ihn erwidern, eine feste, bestimmte Stimme: «Lassen Sie mich in Ruhe!» Die Trainerin spielt einen unangenehmen Typen an der Bushaltestelle, «Lassen Sie mich in Ruhe!», wiederholt die Frau, die gerade «angemacht» wird. Die Trainerin geht erst wieder weg, wenn der Satz überzeugend genug wirkt. Diese Übung ist schwieriger, als sie klingt. «Der Körper spricht immer, auch wenn du nichts sagst», sagt Patrizia Giossi.

Es sind unangenehme Situationen, die nachgespielt und simuliert werden. Wie kann ich mich wehren, wenn ich am Boden bin und der Angreifer steht? Was kann ich tun, wenn er sich auf mich setzt, mich an die Wand drängt und meine Arme festhält? Wie befreie ich mich, wenn ich von hinten gewürgt werde? «Wir hoffen alle sehr, dass wir diese Techniken gar nie anwenden müssen», sagt die Trainerin. Und doch ist es wichtig, sie zu kennen. Manche Frauen in den Kursen hätten sie bereits früher gebrauchen können. Sie meldeten sich erst nach einer Gewalterfahrung im Wen-Do an.

Seit zwei Jahren gibt Wen-Do Zürich auch Kurse in einem Frauenhaus. «Wir sagen den Frauen: ‹Ihr seid jetzt hier, ihr seid selbst aus der Situation hinausgegangen, das ist ein Erfolg›», sagt Patrizia Giossi. «Es ist wichtig, Erfolgsgeschichten zu erzählen.» Auch im Grundkurs erzählen die Trainerinnen immer wieder von Frauen, die sich in irgendeiner Form gewehrt haben. Zudem ist der Austausch zwischen den Teilnehmerinnen wichtig. In Gruppen erzählen sie sich gegenseitig ihre Erlebnisse und suchen zusammen mögliche Auswege aus der Situation, die dann noch einmal nachgespielt wird. Dabei wird auch viel gelacht.

Gegen jegliche Diskriminierung

Immer wieder kommt die Frage auf, ab wann sich eine Frau wehren darf. «Es gibt viele Vorstufen, bevor es zu einem gewalttätigen Übergriff kommt», erkärt Patrizia Giossi. Studien mit Sexualstraftätern hätten gezeigt, dass diese sich ihre Opfer bewusst aussuchten, es so etwas wie eine Testphase gebe. «Daher ist es sehr wichtig, sich aus der anfänglichen Erstarrung zu lösen, sich frühzeitig zu wehren und Grenzen zu setzen.» Die Frauen sollen im Wen-Do ein eigenes Repertoire entwickeln und dieses im Alltag erproben, damit selbst eine aktive Rolle einnehmen, die Situation bestimmen können und nicht nur reagieren. «Die Stärke des Wen-Do liegt prinzipiell darin, dass Männer meist gar nicht davon ausgehen, dass Frauen sich wehren», sagt Eveline Müller. «Ziel ist es auch, Gewalt gegen Frauen in einen gesellschaftlichen und politischen Kontext zu setzen.» Es ist den beiden Trainerinnen ein Anliegen zu betonen, dass sich Wen-Do gegen jede Form der Diskriminierung und Ausgrenzung wendet. Es komme immer wieder mal zu rassistischen Bemerkungen, wenn Frauen von Übergriffen erzählten. «Dann versuchen wir ihnen zu vermitteln, dass das Verhalten des Täters scheisse ist, nicht seine Hautfarbe oder seine Herkunft», sagt Patrizia Giossi.

Am Ende des Kurstages sind sowohl die Teilnehmerinnen als auch die Trainerinnen erschöpft, aber guter Dinge. «Es ist jedes Mal sehr schön zu sehen, wie manche Frauen und Mädchen sich in dieser kurzen Zeit verändert haben», sagt Eveline Müller. «Sie stehen am Ende eines Kurses ganz anders hin, scheinen auf eine Art gewachsen zu sein. Wie gesagt, jede nimmt ihr eigenes Wen-Do mit nach Hause.» Und in der Tasche zwei Holzstücke, die sie mit der Ferse oder der blossen Faust zerschlagen hat.

*Namen geändert.

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