Nr. 47/2013 vom 21.11.2013

Bleiche Schönheit

Von Stefan Howald

Bleiche Schönheit

Kann sie etwas nicht spielen, Cate Blanchett? In «Blue Jasmine», dem neuen Film von Woody Allen, verkörpert sie die verwöhnte Witwe eines Finanzbetrügers, die alles verloren hat, und der Film ist vor allem ihretwegen sehenswert: Sie spielt den selbstgewissen Snobismus ebenso überzeugend wie die ungläubige Hilflosigkeit, die Unbelehrbarkeit wie die Verletzlichkeit. Man kann den Film als Nachgesang auf neoliberale Exzesse und die Spaltung der Gesellschaft in beziehungslos nebeneinander existierende Schichten sehen, ein Kammerstück über Sitten und Moral im Kasinokapitalismus.

Aber sehenswert ist «Blue Jasmine» vor allem wegen Cate Blanchett. Diese bleiche Schönheit, von der geschlechterübergreifend geschwärmt werden darf.

In einer ihrer frühen Hauptrollen, in «Elizabeth» (1998), wird sie zum Schluss des Films, nach all den emotionalen Wirrungen und machtpolitischen Intrigen, als Königin hergerichtet. Weiss gepudert, blickt sie mit gestähltem, erloschenem Blick in die Kamera: Die Individualität wird der politischen Rolle geopfert.

Im 19. Jahrhundert, von der Schminke des Feudalismus befreit, war die Bleichheit zur Schwindsucht geworden. Ihr klassisches Opfer ist die Kameliendame, und die wurde 1936 von Greta Garbo verkörpert, marmorweiss oder schimmernd wie Elfenbein. Das erotisch aufgeladene weibliche Schönheitsideal war zugleich eine in die Krankheit gesperrte Unterwerfung.

Nur allmählich ist die Bleichheit durch braun gebrannte Vitalität abgelöst worden. Noch über dem im Vergleich mit Garbo geradezu robusten Sexappeal von Marilyn Monroe liegt ein bleicher Schatten der Melancholie. Jedenfalls ist es noch nicht die kräftige, sonnendurchglühte Farbe eines neuen Schönheitsideals. Das war eine Ermächtigung der Frauen. Längst ist es im Bräunungsstudio und im Sportkult eingesperrt.

Natürlich, es gibt weitere bleiche Schönheiten: Tilda Swinton etwa, bei deren Darstellungen die Geschlechterzuordnungen verschwimmen. Woody Allens Film aber ist sehenswert – vor allem wegen der weiblich bleichen Schönheit von Cate Blanchett.

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