Nr. 48/2013 vom 28.11.2013

Eine Zwiesprache mit dem eigenen Leben

In ihren Romanen verarbeitet Monika Maron seit je autobiografische Elemente auf eigenwillige Weise. Das kommt jetzt in «Zwischenspiel» schön zum Ausdruck: mit Scharfsinn und den obligaten blinden Flecken.

Von Rea Brändle

Der Anfang wirkt wie ein Kunstgriff. Es ist wieder eine der fantastischen Konstellationen, die das Werk von Monika Maron auszeichnen: Ruth, die Ich-Erzählerin, hat sich für die Beerdigung ihrer Exschwiegermutter zurechtgemacht. Es wird kein einfacher Tag werden. Ruth steht mit der Kaffeetasse am Fenster, stellt sich auf unliebsame Begegnungen ein, und während sie sinnierend in den hellen Morgenhimmel schaut, wird sie von einer Sehstörung befallen. Es nützt nichts, eine Zeit lang die Augen zu schliessen, das Flimmern hört nicht auf, die Umrisse bleiben unscharf.

Trotz ihres GPS-Geräts verfährt sich Ruth auf dem Weg zum Friedhof. Sie stellt das Auto ab, geht zu Fuss weiter, durch einen Park. Je verschwommener sie die ehemals vertraute Stadt wahrnimmt, desto deutlicher erkennt sie einzelne Personen; es sind die Toten, die mit ihr reden, als wäre dies eine Selbstverständlichkeit. So haben die Gespräche nichts Überfallartiges. Ruth fühlt sich den Erscheinungen nicht ausgeliefert, weil sie selbst sich die Begegnungen aussuchen kann. Aus welchen Motiven auch immer: Nachholbedürfnis, Schuldgefühle, Neugier.

Der Minister, Honeckers und Bruno

Auch wer sich in der Lebensgeschichte der mittlerweile über siebzigjährigen Autorin nicht auskennt, wird im «Zwischenspiel» auf verschiedene Bekannte stossen. Wie eine Figur aus einem Schlüsselroman wirkt der kommunistische Schuldirektor, der sich vor vielen Jahren im Leben der kleinen Ruth breitgemacht hat, in der Schule ebenso wie zu Hause, als neuer Ehemann der Mutter. Ein treffendes Bild für Karl Maron, den einstigen Innenminister der DDR und Stiefvater der Autorin. Schon im Roman «Stille Zeile sechs» tauchte er auf, ass wortlos den ganzen Topf Zitronencreme auf, ohne die Anstrengung zu estimieren, die das Kind dafür aufgewendet hatte. Zwölf Eier hatte es mit dem Schwingbesen schaumig gerührt, doch er machte sich über die Schüssel her, als hätte er das alleinige Recht darauf und sonst niemand. Kein Wunder, dass Ruth ihm aus dem Weg geht.

Nicht zu ignorieren hingegen ist das schrille Paar, Margot und Erich Honecker, immer noch anmassend und unbelehrbar, als hätte «ihre» DDR nie aufgehört zu existieren. Früher hätte Ruth es sich nicht nehmen lassen, die beiden in einen Disput zu verwickeln, jetzt aber hat sie, die einst in die BRD emigrieren musste, keine Lust, mit dem Westen aufzutrumpfen. Das ist gut so. Denn sosehr die Honeckers als öffentliches Ärgernis amüsieren, würden sie als Karikatur ihrer selbst auf Dauer bloss langweilen.

Aus «Stille Zeile sechs» kommt mit Bruno ein weiterer Bekannter ins «Zwischenspiel», unvergesslich auch aus dem Vorgängerroman «Die Überläuferin», der gebildete Trinker, ein belesener, kunstsinniger, schöner Mann, der seinen ungewöhnlichen Reichtum an Talenten partout nicht beruflich nutzen will. So ist er halt, und es macht ihm nichts aus, dass er von Hendrik – dem erfolgreichsten von Ruths ehemaligen Ehemännern – ausgenutzt wurde. Dieser nämlich notierte sich Wort für Wort der gescheiten Betrachtungen, die Bruno auch in trunkenem Zustand aus dem Stegreif druckreif formulieren konnte, in ein blaues Heft und verwendete sie später für seine Romane. Genau diese Passagen wurden in den Rezensionen sehr gelobt, ein trauriger Blick auf die Welt und ein geheimes Wissen. Auch Ruth hatte sich als Erstes in diese Sätze verliebt, als sie Hendrik an einer Lesung kennenlernte.

Es sei ihm eine Ehre, wenn er auf seine Art zur Literatur habe beitragen können, sagt Bruno und verbeugt sich in altmodischer Höflichkeit, die Ruth von jeher fasziniert. Von Plagiat will er nicht reden, und umgekehrt erfahren wir jetzt durch Bruno einiges über Hendrik. Von sich aus nämlich wäre Ruth nie auf ihn zu sprechen gekommen. Sie hatte sich, als Hendrik sie verlassen hatte, strikte verboten, an ihn zu denken. Nur so gelang es ihr, ihr verklärtes Bild von ihm auf erträgliches Normalmass schrumpfen zu lassen und damit auch den Trennungsschmerz auszuhalten. Gern hätten wir mehr erfahren über Hendrik, seine schriftstellerische Arbeit, die Kämpfe gegen die Zensurbehörde, die Emigration in den Westen und sein ausgeprägtes Streben nach Erfolg. In den wenigen Passagen erinnern einige Details an die Geschichte der Autorin. Fast würde man an ein Alter Ego denken, zumal Henrik der einzige Schriftsteller im «Zwischenspiel» ist. Ruth hingegen, so erfahren wir beiläufig, arbeitet als Museumsangestellte, wie die Ich–Erzählerin aus Marons berühmtem Roman «Animal triste».

Unterschätzte Frauenrollen

Aus Monika Marons späteren Werken hat es nur der Hund geschafft, sich einen längeren Auftritt im «Zwischenspiel» zu erobern. Er bekommt ein weiteres Denkmal, während Ruths Mutter nur mit wenigen Sätzen bedacht und Fanny (so heisst diesmal die Tochter) sich bloss über eine SMS in Erinnerung ruft. Umso mehr Platz erhält eine neue Figur. Olga heisst sie und ist die Exschwiegermutter, die an diesem denkwürdigen Tag zu beerdigen ist. Die erste Begegnung mit ihr löst bei Ruth einen Rechtfertigungsversuch aus. Auch ein Gefühl von Hilflosigkeit, denn wie könnte sie Olga nachträglich erklären, wieso sie, während Bernhard auf Dienstreise war, heimlich ihre Sachen gepackt und mit Fanny ausgezogen ist. Weil sie sich der Aufgabe nicht gewachsen fühlte, nebst der gemeinsamen Tochter künftig auch für Andi zu sorgen, den behinderten Sohn aus Bernhards früherer Ehe. Wie hätte Olga das begreifen sollen, ausgerechnet sie, die ihre eigenen Wünsche immer den Bedürfnissen der Familie geopfert hatte. Seltsamerweise aber bringt Olga ein tiefes Verständnis auf, ja, sie ist es, die Ruth die Gewissensbisse ausredet. «Schuld bleibt immer», sagt sie in ihrer unprätentiösen Art.

Und sie überrascht uns mit ihrer Lebensklugheit. «Es ist schade um die Menschen», heisst eine ihrer Einsichten, damit verabschiedet sie sich. Auch Bruno ist verschwunden, der Hund wird von seinem wirklichen Besitzer zurückgepfiffen. Ruth geht auf den Ausgang zu; es ist Nacht inzwischen, unter der Laterne steht ihr Auto, von weitem kann sie das Nummernschild klar erkennen.

Auch diesmal übrigens eine der Stärken in Marons Roman: das Pendeln zwischen abgründigen Wahrheiten und alltäglichen Bemerkungen. Über männliche und weibliche GPS-Stimmen zum Beispiel, die heutigen Tageszeitungen oder das verdichtete Bauen, das einem mehr und mehr die Sicht auf den Himmel versperrt.

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