Nr. 50/2013 vom 12.12.2013

Umsichtiges Spiel mit Wörtern

Von Anna Wegelin

Das Älterwerden, das Kranksein und die Endlichkeit: Klaus Merz beschäftigt sich in seinem neuen Gedichtband «Unerwarteter Verlauf» vermehrt mit solchen Themen. Dass (ein gesundes) Leben nichts Selbstverständliches ist, hat der Dichter schon mehrfach hautnah erlebt – in seiner Jugend bei seinem Bruder und vor ein paar Jahren bei sich selbst.

Doch auch die Liebe, Erinnerungen an den Schulunterricht, der Jahreszeitenwechsel oder das Reisen im Zug treten im neuen Gedichtband auf und, ehe man sichs versieht, wieder ab. Keiner schreibt so verführerisch über Phänomene und Momente, die uns an die Lebendigkeit heranführen, wie Klaus Merz.

Doch ist Merz zugleich ein Zeitgenosse, der gesellschaftliche Entwicklungen und Ideologien kritisch-genüsslich kommentiert – immer ganz nebenbei, aber so, dass es garantiert sitzt und zum Nachdenken anregt. Klaus Merz ist eben ein politischer Dichter, auch wenn er dies nicht hören mag.

Etwas Besonderes ist das als Kapitel vermerkte Langgedicht «Ein Zwischenspiel», das Klaus Merz dem Aargauer Musiker Peter Schärli widmet – dieser spielte auch an der Buchpremiere von «Unerwarteter Verlauf» im Lenzburger Literaturhaus. Ein Text mit einer unverwüstlichen Triebkraft, die zuweilen auch in den eher schwermütigen Gedichten im Buch vernehmbar wird.

Ernsthaftigkeit und Heiterkeit, Ratlosigkeit und Klarheit, Schmerz und Ironie lösen sich in den kurzen und kurzweiligen Texten unmerklich ab. Denn der Aargauer mit Weltruf treibt wiederum sein umsichtiges Spiel mit Wörtern – und zeigt dadurch, wie unendlich gross ihr Entfaltungsraum sein kann.

Und hinter allem wird ein unbeirrbarer sanfter Drang nach Erkenntnis spürbar. Die Erkenntnis, dass wir – mit den wachen Augen und dem offenen Sinn eines Klaus Merz – die Dinge getrost auf uns zukommen lassen dürfen: «Der Welt um mich herum / geht langsam die Luft aus. / Ich atme noch, ohne Gier. // Und lasse den Blick / für die Wirklichkeit fahren / die es nicht gibt.»

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch