Nr. 50/2013 vom 12.12.2013

Am Ast eines Baumes ziehen

Nelson Mandela, der im Alter von 95 Jahren starb, war eine der überragenden Persönlichkeiten seiner Generation. Unsere Autorin, eine Mitstreiterin gegen die Apartheid in Südafrika, erinnert sich an ihre Begegnungen mit dem «Unruhestifter».

Von Ruth Weiss

Nelson Mandela besass eine Ausstrahlung, die nur wenigen vergönnt ist. Schon seine imposante Grösse erweckte Eindruck. Ich erinnere mich an ein Gartenfest in Johannesburg, kurz nachdem Präsident Pieter Willem Botha 1994 die Apartheid beendet hatte. Mehrere bekannte Gäste waren anwesend, doch als Mandela erschien, hatte jeder nur Augen für ihn. Er wurde zu einer der überragenden Persönlichkeiten seiner Generation. Mandelas konziliante Haltung trotz bitterer rassistischer Erfahrung und fast dreissigjähriger Inhaftierung, seine Bemühung, die verfeindeten ethnischen Gruppen Südafrikas zu versöhnen, machten ihn zum Symbol für Frieden und Gerechtigkeit.

Mandela, der von 1994 bis 1999 Südafrikas erster frei gewählter Präsident war, wurde am 18. Juli 1918 in Qunu, einem kleinen Dorf im entlegenen östlichen Kapland der damaligen Union von Südafrika, geboren. Als entschiedener Kämpfer für die Gleichberichtigung der AfrikanerInnen hatte er viele Feinde, nicht nur in der Apartheidregierung Südafrikas. Für schwarze SüdafrikanerInnen war Mandela ein sagenhafter Volksführer; ehrerbietig verwendeten sie seinen Clannamen «Madiba».

Drei Fotos

Mandela wirkte keineswegs arrogant. Für mich widerspiegeln drei Fotos seine Persönlichkeit: Das erste zeigt ihn in Stammeskleidung mit nacktem Oberkörper, ein Tuch um die Schulter geworfen, ein stolzer «chief». Das zweite zeigt ihn als Boxkämpfer, es erschien jahrzehntelang in den Medien, da es während Mandelas Gefängnisjahren keine aktuellen Bilder gab. Auf dem dritten Foto fehlt Mandela: Es zeigt einen Stuhl, auf dem ein Doktorhut der Universität von Simbabwe liegt – Insignien eines Ehrendoktortitels, der ihm, wie rund fünfzig ähnliche Titel, während der Zeit seiner Haft verliehen wurde.

Jahre danach wurde die Zeremonie zur Verleihung der Ehrendoktorwürde nachgeholt. Mandela trug nun den für ihn bestimmten Umhang und Hut. Ich sass im Publikum in der Aula der Universität und bemerkte nach einiger Zeit, dass die Lobreden seine Aufmerksamkeit verloren hatten. Der imposante Stuhl, auf dem er thronte, bewegte sich – er hatte eine Gruppe Kinder bemerkt, die leise eingetreten und hinten im Saal stehen geblieben war. Er hatte sich ihnen zugewandt, Augen und Lächeln galten nur ihnen.

Der Unruhestifter

Als Mitglied der königlichen Thembu-Familie des Volks der Xhosa verbrachte Mandela eine traditionelle Kindheit mit dem Ritual und den Sitten der Thembu. Sein Vater, der Berater des Königs war, verkrachte sich mit der Provinzverwaltung; er verlor seinen Posten und sein Vermögen. Nelson musste mit der Mutter mehrere entbehrungsvolle Jahre verbringen, ehe er nach dem Tod des Vaters 1927 vom Regenten Jongintaba adoptiert wurde und eine privilegierte Jugend verbrachte. Während seiner Schulzeit wurde er politisiert, und als 21-Jähriger begann er, an der angesehenen Fort-Hare-Universität zu studieren. Es war das Treibhaus des afrikanischen Nationalismus – viele spätere Führungspersonen des postkolonialen Afrikas waren dort. Mandela traf in Fort Hare etwa seinen politischen Weggefährten Oliver Tambo, den späteren Präsidenten des African National Congress (ANC).

Sein Vater hatte ihn Rohlihlaha genannt, was wörtlich «am Ast eines Baumes ziehen» bedeutet, im übertragenen Sinn also Unruhestifter. Unruhe stiftete er, indem er seine Studien abbrach und nach Johannesburg flüchtete, um einer Zwangsheirat zu entgehen. Dort schlug er sich mühselig durch, bis der Immobilienmakler Walter Sisulu ihm ein Jurastudium an der Universität Witwatersrand ermöglichte. Zwei Jahre nach seinem Eintritt in den ANC wurde Mandela 1944 Gründungsmitglied der ANC-Jugendliga, die eine Generation neuer Führungspersönlichkeiten erzeugte, die ab Ende der vierziger Jahre die ANC-Politik bestimmte.

Suppe im Untergrund

Mit dem Sieg der Nationalen Partei des Burentums 1948 und der Einführung der Apartheid verhärteten sich die Fronten. Mandela, der 1951 Jugendliga-Präsident wurde, führte ein Jahr später die ANC Defiance Campaign im Transvaal an, eine Kampagne des zivilen Ungehorsams, die ihm und dem ANC viel Prestige einbrachte. Im selben Jahr eröffnete er mit Tambo in Johannesburg die erste schwarze Rechtsanwaltspraxis des Landes. Er nahm federführend am Volkskongress von Kliptown teil, an dem die Freiheitscharta verkündet wurde. Die Regierung in Pretoria reagierte auf den Kongress mit einem Hochverratsprozess gegen 156 Personen, unter ihnen Mandela, der gleichzeitig zum Verteidigungsteam gehörte. Alle wurden 1961 freigesprochen.

Das Sharpeville-Massaker, bei dem 1960 69 unbewaffnete DemonstrantInnen getötet wurden, änderte das Klima schlagartig. Ein Ausnahmezustand wurde verhängt, der ANC und andere Parteien verboten. Während dieser Zeit im Untergrund begegnete ich Mandela leider nur einmal und flüchtig persönlich. Bei einem Abendessen lotste mich die Gastgeberin in die Küche, wo der Gesuchte eine Suppe löffelte.

«Niemals wieder soll es geschehen …»

Schliesslich wurde Mandela verraten und verhaftet. 1964 wurde er als Hauptangeklagter im Rivonia-Prozess mit sieben anderen wegen Sabotage und Aufruf zum bewaffneten Kampf zu lebenslänglicher Haft verurteilt. Seine feurige Verteidigungsrede ging in die Geschichte ein (vgl. «Was ist mit der Gewaltfreiheit …», im Anschluss an diesen Text). Während der Einkerkerung, erst auf Robben Island, dann auf dem Festland, wurde Mandela zum Symbol der Antiapartheidbewegung. Präsident Frederik Willem de Klerk, der 1993 zusammen mit Mandela den Friedensnobelpreis erhielt, entliess zuerst die anderen Rivonia-Gefangenen aus der Haft, zuletzt Mandela.

Am 11. Februar 1990 unternahm Nelson Mandela die ersten Schritte als freier Mann. Danach begannen Verhandlungen, die 1994 zu den ersten demokratischen Wahlen und zum Sieg des ANC führten. Am 10. Mai 1994 donnerten Kampfjets der südafrikanischen Luftwaffe über die Versammlung zur Feier des neuen Präsidenten. Mandela sagte hier: «Niemals, niemals und niemals wieder soll es geschehen, dass dieses schöne Land die Unterdrückung des einen durch den anderen erlebt.» Das ist eine Hoffnung, die immer noch zu erfüllen ist.

Die 1924 geborene deutsche Schriftstellerin und Journalistin Ruth Weiss emigrierte 1934 mit ihrer (jüdischen) Familie nach Johannesburg. Dort schrieb sie ab 1954 gegen die Apartheid an und machte 
sich so zu einer Feindin des Regimes. Weiss lebte deshalb einige Zeit im damaligen Südrhodesien, 
wo sie die Unabhängigkeit Simbabwes begleitete. Heute lebt sie wieder in Deutschland. 2005 wurde Weiss für den Friedensnobelpreis nominiert.

Nelson Mandela und der bewaffnete Kampf

Was ist mit der Gewaltfreiheit, wenn die Antwort Gewalt ist?

Nelson Mandelas Rede 1964 beim Rivonia-Prozess, die er mit dem berühmten Satz abschloss, er sei bereit, für seine Ideale zu sterben, ist nicht die Rede eines Mannes, der Gewalt ablehnte.

Der Prozess richtete sich gegen Mitglieder von Umkhonto we Sizwe («Der Speer der Nation», MK), dem militärischen Arm des African National Congress (ANC) und der Kommunistischen Partei (KP). Die ursprüngliche Anklage lautete auf Sabotage, Umsturzversuch und kommunistische Aktivitäten.

Am 20. April 1964, dem letzten Prozesstag vor der Urteilsverkündung, begründete Nelson Mandela in seiner vierstündigen Rede die Notwendigkeit des bewaffneten Kampfs: «Ich und einige Kollegen kamen zum Schluss, dass es unrealistisch und falsch wäre, weiterhin Friede und Gewaltfreiheit zu predigen, während die Regierung unsere friedlichen Forderungen mit Gewalt beantwortet.»

Nach dem Sharpeville-Massaker von 1960 endete die durch Mahatma Gandhi geprägte Gewaltlosigkeit des ANC. Mandela ging in den Untergrund und gründete den MK, den er auch anführte. Er traf auf heimlichen Reisen ins Ausland afrikanische Führer und erhielt eine kurze Militärausbildung in Algerien. Danach wurde der bewaffnete Kampf vorbereitet, Bombenbauer und Kämpfer wurden ausgebildet. Oliver Tambo, der nach Sharpeville im Exil lebte, organisierte den Widerstand auf diplomatischer Ebene; KP-Mitglieder sicherten die Unterstützung der Sowjetunion, ohne die ein bewaffneter Kampf aussichtslos gewesen wäre.

Zwanzig Jahre später herrschte ein Patt: Pretoria war in den achtziger Jahren bankrott und international geächtet, der MK konnte aber das Regime nicht militärisch besiegen. Etwas Neues musste geschehen. 1985 schrieb Mandela aus dem Gefängnis an Präsident Pieter Willem Botha, dass es Zeit sei, mit dem ANC zu verhandeln. Eine Einladung des Präsidenten zum Tee nahm er an, dessen Angebot einer Freilassung unter der Bedingung, dass er den bewaffneten Kampf aufgab, lehnte er ab. 1990, nach den ersten offiziellen Verhandlungen mit Bothas Nachfolger Frederik Willem de Klerk, zeigte der kämpferische Mandela seine Grösse, indem er das Ende des bewaffneten Kampfs erklärte. Dies führte innerhalb des ANC zu Kritik. Doch Mandela glaubte zu dieser Zeit wieder daran, die Zukunft des Landes durch die Zusammenarbeit aller Gruppen gestalten zu können.

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