Nr. 02/2014 vom 09.01.2014

Brücke zu einer anderen Welt

Sie versuchten in Südamerika einen Aufstand, der schnell scheiterte – und schrieben sich danach Briefe: Olga Benario aus einem deutschen KZ und Luiz Carlos Prestes aus Brasilien. Jetzt liegt der Briefwechsel erstmals als Buch vor.

Von Erich Hackl

In seinem packenden Roman «Exil der frechen Frauen» (2009) hat der in New York lebende Schweizer Autor Robert Cohen beiden ein Denkmal gesetzt: der aus einer Münchner jüdischen Familie stammenden Olga Benario, Jahrgang 1908, die früh zur Kommunistischen Partei Deutschlands stiess, als Achtzehnjährige ihren damaligen Mann und Genossen Otto Braun aus dem Zuchthaus Moabit befreite und sich in der Sowjetunion zur Agentin der Kommunistischen Internationale (Komintern) ausbilden liess, und dem zehn Jahre älteren Hauptmann Luiz Carlos Prestes aus Porto Alegre, der sich 1924 gegen die Regierung seines Landes erhob und mit 1500 Mann zwei Jahre lang und 25 000 Kilometer weit durch das Innere Brasiliens zog, um die Armen für den Kampf gegen die Oligarchie zu gewinnen. Die Revolte scheiterte an der Überlegenheit der regierungstreuen Truppen; aber ihr Anführer Prestes ging als «Ritter der Hoffnung» ins kollektive Gedächtnis Brasiliens ein.

Im Moskauer Exil, am Sitz der Komintern, wurden Benario und Prestes im November 1934 einander vorgestellt – und wenig später mit falschen Papieren, die sie als Ehepaar auswiesen, auf eine lange Reise geschickt. In seiner Heimat sollte Prestes mit Benarios Hilfe den Widerstand gegen das Regime des Diktators Getúlio Vargas organisieren. Aber der Aufstand, der gegen ihre Absicht zu früh ausbrach, wurde nach wenigen Tagen niedergeschlagen. Drei Monate später, Anfang März 1936, gelang es der Polizei, der beiden in einem Vorort von Rio de Janeiro habhaft zu werden. Während Prestes in Isolierhaft genommen wurde, schoben die Behörden Olga Benario nach Deutschland ab.

Im Berliner Frauengefängnis Barnimstrasse brachte sie am 27. November 1936 eine Tochter zur Welt, der sie den Namen Anita gab. Vierzehn Monate später übergaben die Nazibehörden das Kind seiner brasilianischen Grossmutter, die es mit ins französische, dann mexikanische Exil nahm. Olga kam ins Konzentrationslager Lichtenberg, später nach Ravensbrück. Am 23. April 1942 wurde sie in der Gaskammer der Landes-Heil- und Pflegeanstalt Bernburg ermordet. Carlos starb nach einem weiterhin wechselvollen, oftmals gefährdeten Leben im März 1990, mit 92 Jahren, in Rio de Janeiro. Dort lebt heute noch Anita Benario Prestes, als inzwischen emeritierte Universitätsprofessorin für Geschichte.

Auf verschlungenen Wegen

Zehn Jahre lang hat Cohen sich darum bemüht, den vollständigen Briefwechsel zwischen den Eltern von Anita Benario Prestes, von Zelle zu Zelle, herausgeben zu dürfen. Nur einige Briefe waren bisher, in Ruth Werners romanhafter Biografie «Olga Benario. Die Geschichte eines tapferen Lebens» (1961), auf Deutsch veröffentlicht worden. Ungeachtet ihres Inhalts nehmen sie schon wegen der verschlungenen Wege gefangen, auf denen sie den jeweiligen Adressaten erreicht haben: Olga durfte im Zuchthaus und später im Konzentrationslager nur auf Deutsch abgefasste Briefe entgegennehmen, sodass Karli, wie sie ihren Gefährten zärtlich nennt, die zumeist auf Portugiesisch geschriebenen Briefe zuerst an seine Mutter schicken musste, die sie – ebenso wie die ihrer Schwiegertochter – übersetzen liess, «von jemandem», wie Carlos einmal schrieb, «der uns sehr mag».

Obwohl sie sich über Hunger, Folter und Verhör wegen der Zensur und zur gegenseitigen Schonung ausschweigen mussten, gewährt der Briefwechsel nicht nur tiefen Einblick in ihre Seelenlage, sondern auch in die Bedingungen, unter denen sie miteinander korrespondierten. Auf die letzten vier Briefe, vom November 1941 bis Ende Januar 1942, die Carlos mit wachsender Sorge und voller ungeduldiger Hoffnung auf ein Lebenszeichen aus Deutschland schrieb, kam keine Antwort mehr. Sein Appell, an die Geliebte und an sich selbst, stark zu sein «und auf bessere Tage zu hoffen», verhallte ungehört.

Säuglingspflege und Erziehung

Im Zentrum der Briefe steht Anita. «Ist je ein Kind mit einer solchen Genauigkeit beschrieben worden?», fragt Cohen in seinem ausführlichen Vorwort. «Ohne jede Ablenkung ruht der Blick der Mutter auf Anita. Noch die geringste Einzelheit ihres Aussehens, ihrer Gesten, der Haut- und Haarfarbe, der Töne, die sie von sich gibt, wird mit mikroskopischer Detailversessenheit wahrgenommen und beschrieben.» Tatsächlich eignete sich, was Olga Benario in den ersten vierzehn Monaten ihrer Haft dem Geliebten mitteilt, durchaus als eine Art Handbuch in Sachen Säuglingspflege und Kindererziehung.

Ergreifend ist die Zärtlichkeit, mit der sich die stillende Mutter und der ferne Vater über ihre kleine Tochter verständigen. Auch über Bücher – oft sind es belanglose Romane oder Gedichte, aus deren Lektüre sie doch Funken von Lebensfreude schlagen. Durch Cohens Einleitung gewarnt, weiss man um das bittere Ende – und hofft trotzdem, lesend, dass die Geschichte gut enden möge. Auch Olga Benario liess sich lange nicht entmutigen. Aber ein Jahr nach der gewaltsamen Trennung von Anita, Ende Februar 1939, schrieb sie mit verhaltener Verzweiflung: «Sie war die letzte Brücke zu einer anderen Welt.»

Es ist Robert Cohen zu danken, dass diese andere Welt wiederaufersteht, in den Briefen von zwei RevolutionärInnen, die ihre Liebe nicht durch die Revolution erfüllt sahen, sondern durch das gemeinsame Kind.

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