Nr. 06/2014 vom 06.02.2014

In der Hecke wächst kein Weizen

Soll die Landwirtschaft in erster Linie Nahrung produzieren? Oder die Landschaft pflegen? Dieser Streit steht im Hintergrund der beiden neuen agrarpolitischen Initiativen von Bauernverband und Grünen. Aber sind das überhaupt die richtigen Fragen?

Von Bettina Dyttrich (Text und Foto)

Wilde Vielfalt auf kleinem Raum – und daneben genug Platz für die Kühe. Auf dem Hof von Biobauer Hansruedi Schlegel in Ulmiz bei Murten.

Der Berner SVP-Grossrat Samuel Graber ist gar nicht zufrieden mit der Schweizer Agrarpolitik: «Wer weniger produziert, bekommt mehr vom Staat.» Er habe nichts gegen Ökologie, «aber die Schweiz darf nicht zu einer einzigen Ökowiese werden». Graber will eine Agrarpolitik, bei der die Produktion im Vordergrund steht. Darum stellte er zusammen mit anderen SVP-Politikern im November eine Initiative vor, die den heutigen Selbstversorgungsgrad in der Verfassung festschreiben sollte – also den in der Schweiz produzierten Anteil am gesamten Lebensmittelverbrauch.

Der Schweizerische Bauernverband (SBV) fand diesen Weg falsch: Der Selbstversorgungsgrad sei eine «rein kalorienbasierte Grösse», kritisierte SBV-Präsident Markus Ritter. Man könne ihn auch erhöhen, indem man möglichst viele kalorienreiche Zuckerrüben anbaue, was kaum sinnvoll sei. Der SBV wollte eine eigene Initiative lancieren.

Im Dezember einigten sich SBV und SVP dann doch. Im Zentrum der Initiative für Ernährungssicherheit steht der Satz: «Der Bund stärkt die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln aus vielfältiger, nachhaltiger inländischer Produktion.» Sie wird am 11. Februar lanciert.

Produzieren oder gärtnern?

Was soll diese Initiative überhaupt Neues bringen? Die Frage stellt sich tatsächlich. Hintergrund ist ein Streit, der in bäuerlichen Kreisen seit Jahren tobt – an Veranstaltungen, am Stammtisch, in Leserbriefspalten. Bauern wie Samuel Graber, die sich selbst «produzierende Landwirte» nennen, betonen die Notwendigkeit, möglichst viele Lebensmittel zu produzieren. Sie argumentieren mit dem global knapper werdenden Agrarland und kritisieren, in der neuen, letztes Jahr verabschiedeten Agrarpolitik 2014–2017 hätten Ökologie und Landschaft zu viel Gewicht. Darum fürchten sie, zu «Landschaftsgärtnern» degradiert zu werden.

«Ich bin gerne Landschaftsgärtner», kontern LandwirtInnen wie Jürg Wirth, Biobauer im Engadin, der für die NZZ Kolumnen schreibt. Viele Linksgrüne sind der Ansicht, die Landschaftsgestaltung sei ohnehin das Wichtigste an der Landwirtschaft. Doch diese Haltung blendet einen Konflikt aus, der nicht so einfach aus der Welt zu schaffen ist: Wo eine Hecke wächst, lässt sich kein Weizen anbauen. Wenn ein begradigter Bach wieder mehr Platz bekommt, wird die Kuhweide am Ufer kleiner. Und wenn in der Schweiz aus Rücksicht auf Landschaft und Ökologie weniger Lebensmittel produziert werden, muss das Fehlende irgendwoher importiert werden. Zu welchen Bedingungen wird es dort produziert?

Ein Teil des Acker- und Wieslands wurde in den letzten Jahrhunderten durch die Zerstörung von artenreichen Landschaften gewonnen: Moore, Auen, Trockenwiesen. Entsprechend selten geworden sind die Pflanzen und Tiere, die in solchen Biotopen leben. Darum fordern Pro Natura und andere Naturschutzorganisationen die Renaturierung mancher Gebiete auf Kosten der Nutzfläche. Doch wie gross diese Flächen sein sollen, ist keine einfache Frage. Denn die «produzierenden Landwirte» haben insofern recht: Das gute Landwirtschaftsland wird global knapp.

Bauer Schlegels «Linienbiotope»

Wie kann die Kulturlandschaft wieder artenreicher werden? Und wie viel Platz braucht es dafür? Einer, der sich seit langem mit solchen Fragen beschäftigt, ist Hansruedi Schlegel. Der Biobauer aus Ulmiz bei Murten hat sich zum Ziel gesetzt, rund um das Dorf wieder die gleiche Vielfalt zu erreichen wie zur Zeit seiner Geburt vor mehr als sechzig Jahren. Eine Erinnerung aus seiner Jugend hat ihn nie losgelassen: Übereifrige Modernisierer setzten eine Hochstammrodungsaktion durch und zwangen seinen Grossvater, 160 Obstbäume ausreissen zu lassen. Es war die Zeit, als die Alkoholverwaltung Prämien zahlte für jeden Baum, der verschwand. «Mein Grossvater hat sich von diesem Schock nicht mehr erholt. Er wurde wieder zum Kind.»

Um etwas tun zu können, bildete sich Schlegel weiter, informierte sich über die Bedürfnisse von Hase, Laubfrosch, Gartenrotschwanz und anderen Arten, die im Mittelland selten geworden sind. Und er begann, sein Land umzugestalten. Sein Fazit: «Ob die Biodiversität zunimmt, ist nicht in erster Linie von grossen Flächen, sondern von Strukturen abhängig.»

Was er damit meint, zeigt Schlegel auf einem Rundgang an einem milden Winternachmittag. Neben einem Feldweg hat er einen Steinwall aufgeschichtet für Eidechsen und andere wärmeliebende Tiere. Und er hat den eingedolten Lölibach wieder ausgegraben, das Ufer mit Büschen bepflanzt, dazwischen Wurzelstöcke aus dem Wald platziert. «Totholz ist ganz wichtig für Kleintiere.» Ein kleiner brauner Vogel hüpft im Gebüsch herum, Schlegel erkennt ihn: ein Zaunkönig. Er arbeitet mit Hobbyornithologen und einer Amphibienspezialistin zusammen; sie zählen Nester, kennen die Vögel, identifizieren die Frösche.

«Zehn kleine Wälder sind besser als ein grösserer», sagt Hansruedi Schlegel. Was er anspricht, heisst in der Ökologie Randeffekt: Wo sich verschiedene Lebensräume berühren, ist die Artenvielfalt besonders hoch. Der Bauer versucht das umzusetzen, indem er auf kleiner Fläche ganz verschiedene Bedingungen schafft: trocken neben nass, sonnig neben schattig, mager neben nährstoffreich, offene Stellen neben dicht bewachsenen.

Freiwillige aus der Region und von internationalen Arbeitseinsätzen haben bei der Landschaftsgestaltung geholfen. Denn längst hat sich Schlegels Leidenschaft herumgesprochen. Für eine Güterzusammenlegung in der Gemeinde plante er die Ausgleichsflächen, zwei Kilometer Hecken wurden gepflanzt. Schlegel startet den Traktor und geht auf Rundfahrt: Hier hat er Tümpel gegraben, getreu seiner Philosophie sieben kleine statt einen grossen. Dort hat er Wurzelstöcke im Abstand von einigen Metern auf einer Wiese abgeladen. Weitere Tümpel grub er unten beim Flüsschen Bibere, wo das Land ohnehin versumpft war. Nebel steigt aus den feuchten Wiesen, und am Rand des Wassers stehen drei sauber geschälte Weidenstümpfe. Sie sehen aus wie abgeschnitten: Ein Biber hat die kleinen Bäume gefällt. Schlegel ist begeistert. Über die Rückkehr der Biber freut er sich besonders – obwohl er vor einem Jahr am von den Nagern unterhöhlten Ufer einsank und sich fast das Bein brach.

Schlegel ist überzeugt: Es braucht gar nicht so viel Platz, um die Biodiversität zu fördern. Die bisher obligatorischen sieben Prozent Biodiversitätsfläche, die ein Landwirtschaftsbetrieb haben muss, würden bei weitem reichen – wenn man auf Strukturvielfalt setzte und die Flächen professionell pflegte. «Es ist wie beim Biolandbau: Wenn man es nur wegen des Geldes macht, kommt es selten gut.» Er propagiert lange, schmale «Linienbiotope», die Tieren und Pflanzen als Korridore dienen und die Bewirtschaftung kaum behindern. «Wir haben hier Laubfrösche direkt neben intensiv genutzten Äckern.» Vielfältige Landschaft, viele Arten und trotzdem eine hochproduktive Landwirtschaft – das sei möglich.

Die Wildbiene lohnt sich

Neue Forschungen zeigen: Vielfältige Landschaften sind nicht nur wichtig, um Arten zu erhalten. Sie unterstützen auch direkt die Produktion. «Ökosystemdienstleistungen» nennen es ForscherInnen wie Felix Herzog, Leiter der Gruppe Agrarlandschaft und Biodiversität bei den landwirtschaftlichen Forschungsanstalten Agroscope. «Dass es ohne Bodenleben keine Landwirtschaft gibt, wissen die Bauern schon lange. Die Regenwürmer sind das bekannteste Beispiel. Aber dass man versucht, die Ökosystemdienstleistungen über dem Boden zu messen, ist relativ neu.»

Insekten stehen dabei im Vordergrund: Sie fressen andere Insekten, die auf dem Acker oder im Obst Schaden anrichten. Und sie bestäuben Nutzpflanzen. Manche, wie die Schwebfliegen – sie sind ähnlich gefärbt wie Wespen und scheinen wie Kolibris in der Luft zu stehen –, machen beides. «Es sind oft wenig spektakuläre Arten, die Leistungen für die Landwirtschaft erbringen», sagt Herzog. Damit sie das können, brauchen sie «halbnatürliche Lebensräume» wie Hecken oder Krautsäume, die nicht zu weit auseinanderliegen. «Wir haben im Vergleich zu den Ackerbaugebieten in der EU eine kleinräumige Landwirtschaft. Das ist gut.»

Einiges gelernt hat man inzwischen über Wildbienen. Eine Studie, an der auch Forschende von Agroscope und der Universität Bern mitgearbeitet haben, wurde letztes Jahr im Wissenschaftsmagazin «Science» vorgestellt. Ihr Fazit: Die Bestäubungsleistung von Wildbienen und anderen Wildinsekten ist viel grösser als bisher angenommen. Auch in Gebieten mit vielen Honigbienen steigern sie die landwirtschaftlichen Erträge entscheidend. Zum Leben brauchen Wildbienen Asthaufen, stehen gelassene Pflanzenstängel und andere Kleinstrukturen. Die «produzierende Landwirtschaft» ist also direkt auf die «Landschaftsgärtnerei» angewiesen.

Einen Anstoss für einen Ausweg aus der polarisierten Diskussion könnte die Initiative für nachhaltig produzierte Lebensmittel bringen, die die Grünen kürzlich lanciert haben (siehe WOZ Nr. 5/14). Genau wie es rechtskonservative bäuerliche Kreise fordern, stellt sie die Produktion in den Vordergrund. Allerdings eine Produktion nach strengen ökologischen und sozialen Grundsätzen: Die Initiative will höhere Hürden für importierte Nahrungsmittel, die den Schweizer Produktionsstandards widersprechen, bis hin zum Importverbot.

Regula Rytz, Kopräsidentin der Grünen, sagt: «Der Markt braucht Spielregeln für den Schutz der Umwelt, für mehr Tierwohl und faire Arbeitsbedingungen. Nicht die industrielle Massenproduktion, sondern lokale und bäuerliche Kreisläufe sichern die Ernährung.» Mit solchen Forderungen stünden die Schweizer Grünen nicht allein: «Auch in Deutschland wächst die Bewegung gegen Gentechnik und Massentierhaltung. Am 18. Januar haben in Berlin 30 000 Menschen für eine ökologischere Agrarpolitik demonstriert.»

Ohne Lebensmittelimporte kommt die Schweiz schon lange nicht mehr aus. Um zu vermeiden, dass die Produktion dieser Nahrung anderswo Schaden anrichtet, geht die Initiative der Grünen in die richtige Richtung. Darauf zu achten, dass ein grosser Teil der Nahrung hierzulande produziert wird, ist sinnvoll – aber nicht auf Kosten der letzten Hecken und Trockenwiesen. Der Selbstversorgungsgrad mag wegen ihnen ein bisschen sinken. Aber das wäre bereits kompensiert, wenn wir weniger Essen wegschmeissen würden.

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