Nr. 06/2014 vom 06.02.2014

Jenseits der Baumgrenze

Von Astrid Kaminski

Monika Rinck ist eine der tonangebenden Stimmen der zeitgenössischen deutschsprachigen Lyrik. In ihrem neuen Band «Hasenhass» setzt sie ihre Dichtung in die Tuschzeichnung fort.

Für ihren Hohn in lyrischer Hochform wurde Monika Rinck mit dem Peter-Huchel-Preis des Vorjahrs geehrt, nun verwandelt sie Galle in Galgenhumor: «Hasenhass. Eine Fibel in 47 Bildern» ist ein alberner, grossartiger, abgründiger Band über den Witz, der nicht aufgeht und trotzdem witzig ist, und über den «tröstenden und fürchterlichen Gedanken, dass Menschen generell über alles lachen können». Der Hase wird zum Schluss nicht überleben. Aber auch er stirbt unernst, und wer ihn noch einmal sterben lassen möchte, dem gibt die Autorin vorsorglich Regieanweisungen mit auf den Weg: «Um diesen Witz korrekt zu erzählen, sollten Sie vorher vor dem Spiegel üben, die Muskulatur ihrer Oberlippe autonom zu bewegen.»

Oft sind Bücher, in denen kein Genre festgelegt wird, vor allem anstrengend. Hier ist die hybride Beweglichkeit an sich rhythmisiert, bietet räumliche Tiefe und wirkt anregend. Auf den von Sigmund Freud und Georg Wilhelm Friedrich Hegel gespeisten Bewusstseinsstrom in lyrischer Syntax folgen surreale Spielanleitungen, aphorismenartige Gemütsskizzen, milieusaure oder dünnluftige Witze: «Kommt ein Wanderer sehr spät auf die Alm. Fragt der Senn: Warum biste so spät, Mensch? Sagt der Wanderer: Weil, sie wollten mich anner Baumgrenze nich durchlassn.»

Zwischen den Texten stehen als Poesie des Unausgesprochenen die aquarellartigen Tuschzeichnungen der Autorin. Sie sind so treffsicher und scheinbar beiläufig wie ihre jüngsten Performances. Man kann nur amüsiert staunen: Alpendandys «vor entsprechendem Panorama», zwei Tenöre (einer davon beschaufelt) beim «Orchestergraben», der weisse Titelhase («das vierte, unverliehene Hasenbein stabilisiert das Tier»), das «fearPhone», bei dem die «Ich-Energie durch Furcht ersetzt und die Akku-Laufzeit damit mehr als verdoppelt» wird. So bleibt und hält die Hasenhass-Fibel in Bewegung, lehrt vielleicht sogar «formwandlerisches Tasten», erfrischt mit infantilen Luftblasen und bindet in alternierenden Gebilden, in denen man lange verweilen kann.

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