Nr. 06/2014 vom 06.02.2014

Der Antikriegsroman unter der Lupe

Was bewirken Kriegsdarstellungen beim Publikum, wie werden sie rezipiert? Jan Süselbecks Streifzug durch die Literatur- und Filmgeschichte zeigt, wie schmal der Grat zwischen Antikriegs- und Kriegsepos sein kann.

Von Rolf Bossart

Glaubt man Studien der letzten Jahre, so gibt es ständig neue Formen des Krieges. Doch mit den technischen Neuerungen und ideologischen Verschiebungen ändern sich auch die Rezeption und die Kulturtechniken der Emotionalisierung. Auch künstlerische Kriegsdarstellungen machen solche Bewegungen mit, obwohl aus der Nähe betrachtet dann doch vieles wieder beim Alten bleibt.

Der Literatur- und Medienwissenschaftler Jan Süselbeck, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Neuere deutsche Literatur der Philipps-Universität Marburg, hat nun in einer umfangreichen Studie Veränderungen und Konstanten in der emotionalen Wirkung von literarischen und audiovisuellen Kriegs- und Gewaltdarstellungen der letzten zwei Jahrhunderte untersucht. Von Heinrich von Kleist über Ernst Jünger bis Elfriede Jelinek, von Francis Ford Coppola über Steven Spielberg bis Quentin Tarantino analysiert er Klassiker der Kriegs- und Gewaltdarstellung und deren Rezeption.

Süselbecks grösstes Verdienst ist es, die immer schon fragile Trennung von Gewaltkritik und Antikriegsepos auf der einen sowie Gewaltfaszination oder Kriegsverherrlichung auf der anderen Seite zur Disposition zu stellen. So wird bei Blockbusterkriegsfilmen immer wieder von neuem klar, «wie utopisch es erscheinen muss, in solchen Kunstwerken eine durchgängige Subversivität von Antikriegserzählungen aufrechtzuerhalten».

«Die allergrösste Gemeinheit»

Mit Judith Butler spricht Süselbeck daher von der Notwendigkeit einer «diskursiven Rahmung». Zumal sich viele Bilder von Gewalt je nach Interesse ganz unterschiedlich instrumentalisieren lassen. Daraus folgt die Mahnung zur Vorsicht bei der Beurteilung von künstlerischen Gewaltdarstellungen und deren Rezeptionsgeschichte. Beim Label Antikriegsfilm oder -roman könnte es sich in vielen Fällen auch um eine Fehleinschätzung handeln – oder um eine schlichte Schutzbehauptung derer, die ihre Motive, weshalb sie von einem Kriegskunstwerk fasziniert sind, nicht ergründen wollen.

Süselbeck setzt sich dazu minutiös mit Romanen wie «Im Westen nichts Neues» von Erich Maria Remarque oder Bernhard Schlinks «Der Vorleser» auseinander, die beide verfilmt wurden, zur beliebten Schullektüre geworden sind und bei vielen als pazifistische und kritische Literatur gelten. Remarque etwa erreicht in seinem Roman zum Ersten Weltkrieg die beabsichtigte Emotionalisierung mit Mitteln, die bis heute zum Arsenal der Boulevardmedien gehören: so etwa mit jenem Mitleid für Tiere, das sich aus einer tiefen Menschenverachtung speist. «Das sage ich euch, es ist die allergrösste Gemeinheit, dass Tiere mit im Krieg sind.»

Man muss sich die Gemeinheit eines solchen Superlativs, der sich vermeintlich gegen die Entmenschlichung im Krieg stellt, erst mal bewusst machen. Liest man dazu noch Passagen wie die folgende, so wirft der grosse Erfolg des Buchs doch einige Fragen auf: «Die Tage, die Wochen, die Jahre hier werden noch einmal zurückkommen, und unsere toten Kameraden werden dann aufstehen und mit uns marschieren, unsere Köpfe werden klar sein, wir werden ein Ziel haben, und so werden wir marschieren, die toten Kameraden neben uns, die Jahre der Front hinter uns: gegen wen, gegen wen?»

Jelineks Beispiel

Neben der Kritik an vermeintlichen Antikriegsdarstellungen beleuchtet Süselbeck auch eindeutig kriegsbegeisterte, aggressiv-emotionalisierende Werke wie den grausigen Blut-und-Boden-Roman «O. S.» von Arnolt Bronnen. Ebenso sorgfältig beschäftigt er sich mit literarischen Werken, die aktuellen Ansprüchen einer gewaltkritischen Kunst entsprechen können – so etwa Elfriede Jelineks Textcollagen «Bambiland» oder «Rechnitz», die nicht vom Gefühl her auf den Verstand zielen, sondern umgekehrt. In diese Kategorie stellt Süselbeck auch Lukas Bärfuss’ Roman «Hundert Tage» über die Verstrickungen der schweizerischen Entwicklungshilfe in den Genozid in Ruanda.

Nun aber gilt die prinzipielle Unentschiedenheit, ob eine Gewaltdarstellung eher Kritik oder Faszination hervorruft, nicht nur für die Kunstwerke selber, sondern auch für deren Analyse. Es ist daher nicht verwunderlich, dass auch Süselbeck zuweilen Material verwendet, das seine eigene kritische Intention je nach Lesart leicht unterlaufen könnte.

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