Nr. 11/2014 vom 13.03.2014

Gespenster in der Küche

Lesen als Grenzerfahrung: Mit ihrem zweiten Roman lässt Dorothee Elmiger die LeserInnen erleben, was Grenzen bedeuten. Und wie unsicher diese sind.

Von Felix Schneider (Text) und Ursula Häne (Foto)

Städtische Übergänge: Dorothee Elmiger bei der Spinne am Zürcher Bucheggplatz.

Dorothee Elmigers «Schlafgänger» zu lesen, ist eine irre Erfahrung. Dabei scheint am Anfang alles ganz einfach: Wir lesen Ausschnitte aus einer Konversation. Ganz brav heisst es da: X sagte dieses und Y jenes, und Z ergänzte. Und aus dem, was gesagt wird, geht hervor, dass die Redenden in einer Wohnküche zusammensitzen.

Aber je länger geredet wird, desto gespenstischer wird die Situation. Eine der Figuren heisst «der Logistiker», denn er arbeitet in einer Seefrachtimportfirma. Er scheint als Folge einer lang andauernden Schlaflosigkeit in völlig überreiztem Zustand zu sein. Er halluziniert. Oder genauer: Es wird erzählt, wie er davon berichtete, dass er davor in einem solchen Zustand gewesen sei …

Und zu den Stimmen, die wir bisher gehört haben («die Übersetzerin», «A. L. Erika», «Fortunat», «der Logistiker», «die Schriftstellerin»), kommen neue hinzu. Radio- und Fernsehstimmen werden zitiert. Die Menge an erwähnten Fakten, Orten, Personen, Ereignissen wächst ins Unübersichtliche. Mal sind wir in Basel, mal in Los Angeles. Mal hören wir von historisch bekannten Figuren wie dem kalifornischen Polizeiopfer Rodney King, mal von einem unbekannten Bienenliebhaber. Wichtiges und Unwichtiges, Nahes und Fernes, Reales und Erfundenes – alles bunt durcheinander. Oder genauer: Es wird erzählt, dass Figuren davon erzählt haben, was sie davor gehört hatten …

Sind wir in einem Traum? Nein. Denn im Traum erleben wir unmittelbare Gegenwart. Bei Elmiger aber wird in der Vergangenheit erzählt. Sind wir in der Wirklichkeit? Auch nicht, wir hören sogar Wiederholungen, als hätten wir auf den Repeatbutton gedrückt. Wo sind wir also?

Im Schlafwachzustand

Wir sind in der Fiktion, in der Literatur. Und wir erleben, dass Wirklichkeit und Fiktion zwar nicht identisch sind, dass aber die Grenze zwischen beiden unsicher ist. Der Logistiker sagt von seinen Halluzinationen: «Es waren gewöhnliche Dinge, die ich sah, es fehlte mir nur die Zeit, mich davon zu entfernen, also die Erholung, also die Distanz zwischen mir und den Ereignissen. Alles geschah in der unmittelbaren Nähe, wie gesagt, und alles verhielt sich ja tatsächlich so, wie es sich vor meinen Augen darstellte.»

Vielleicht ist es ja so: Der Fundus der Fantasie ist die Wirklichkeit, aber in der Wirklichkeit gibt es Distanz, in der Fiktion nicht. In der Realität ist Amerika weit weg. Wer an Amerika denkt oder gar darüber schreibt, ist in der Fantasie schon dort.

Bei der Lektüre von Elmigers «Schlafgänger» ist zu erleben, wie Grenzen verschwinden. Die Vergangenheit etwa, von der die Figuren erzählen, wird beim Lesen Gegenwart. Es ist wie vor dem Einschlafen: Der Sound und der Bilderstrom des vergangenen Tages ziehen durch den Kopf. Als LesendeR gerät man selbst in den halluzinatorischen Schlafwachzustand, von dem die Figuren des Buchs ja eigentlich nur erzählen. Elmiger provoziert diese Identifikation der Lesenden mit den Figuren – auch eine Grenzüberschreitung! –, indem sie nicht verrät, wer eigentlich erzählt. Ja, wer sagt denn eigentlich diese Sätze «X erzählte» oder «Y bemerkte»? Das bleibt offen, eine Leerstelle, in die der Leser, die Leserin einsteigen kann. Und auch die Grenze zwischen den Figuren verschwimmt bald. Es gibt wenige Stimmen mit festen Attributen. Aber das reicht nicht zur Identitätsbildung. Die Figuren bleiben körper-, identitäts- und namenlos.

Die Grenzerfahrung, die beim Lesen ästhetisch zu machen ist, ist auch das Hauptthema des Texts. Schlafgänger leben auf der Grenze zwischen Schlafen und Wachen. Analog zu den Kostgängern sind sie aber auch Menschen, die sich eine gemietete Schlafstelle teilen, sie sind, sagt einer im Roman, «flüchtige Existenzen».

Respekt für Flüchtlinge

Elmigers Text erzählt in eindrücklichen Bildern und Formulierungen immer wieder von Flüchtlingen. Hier wird es dann sehr konkret. In Oerlikon liegt ein halb nackter Flüchtling auf einem Bahnsteig. Im Basler Rheinhafen ist zu erfahren, wie die Container mühelos Grenzen überqueren, sehr im Unterschied zu den Menschen, die hilflos durch Wälder irren, im Meer ertrinken, bei Abschiebungen sterben. Typisch für Elmigers Verfahren ist der Versuch, sich der Flüchtlingstragödie im Mittelmeer zu nähern: Sie verweist auf das Bild «Le Radeau de la Méduse» («Das Floss der Medusa») von Théodore Géricault. Das ist unser Bild von sterbenden Schiffbrüchigen. Was die wirklichen Flüchtlinge im Mittelmeer erleben, wissen wir nicht.

Diese respektvolle Distanz schliesst Emotionalität nicht aus. Wir spüren ja schon etwas, wenn Elmiger erzählt, wie Flüchtlinge sich mit Schmirgelpapier oder an rauen Hauswänden die Fingerkuppen abschleifen. Sie wollen so verhindern, dass ihre Fingerabdrücke erfasst werden können. Sie versuchen, ihre physische Existenz zum Verschwinden zu bringen. Offensichtlich gibt es in unserer Gesellschaft Körper, die sich ausbreiten, und andere, die keinen Raum einnehmen dürfen wie eben Flüchtlingskörper oder alternde Körper. Und ganz seltsam berührt die Feststellung, dass die Fremdheit im eigenen Körper beginnt: Dein Körper, das unbekannte Wesen … Plötzlich haben wir eine Grenze in uns selbst, und die Ausgrenzung des Fremden wird schwierig.

Mit Hinweisen auf die irritierenden Arbeiten des niederländischen Video- und Konzeptkünstlers Bas Jan Ader thematisiert Elmiger die Grenze zum Tod. Ader inszenierte 1975 sein eigenes Verschwinden. Seine performative Atlantiküberquerung trug den Titel «In Search of the Miraculous (Songs for North Atlantic)». Er bestieg ein kleines Segelboot und fuhr los. Das Boot fand man später an der Küste Irlands.

Bei der literarischen Gestaltung des Themas Migration wäre als Dorothee Elmigers entfernter Verwandter der neuseeländische Autor Lloyd Jones zu nennen. Er erzählt in seinem Roman «Die Frau im blauen Mantel» die Geschichte einer Boatpeoplefrau, die sich von Nordafrika bis Berlin durchschlägt. Auch Lloyd Jones muss wohl, wie Dorothee Elmiger, davon ausgegangen sein, «dass es nicht darum gehe, vorzugeben, man könne sich vorstellen, was andere erlebten oder fühlten, es gehe aber mit Sicherheit darum, sich genau dafür zu interessieren». Aus diesem Dilemma hat Jones den Ausweg gefunden, dass er diejenigen erzählen lässt, die der Boatpeoplefrau begegnet sind. Erst zum Schluss erzählt die Flüchtlingsfrau selbst – allerdings mit einer ihr weitgehend zugeschriebenen Identität. Selbst ihr Name ist übernommen von einer Frau, die sie auf ihrer Flucht getroffen hat.

Lebendige Avantgarde

Die literarische Avantgarde ist noch durchaus lebendig. Fast zeitgleich mit «Schlafgänger» erscheint der Roman «Ameublement» von Julien Maret, der wie Dorothee Elmiger am Literaturinstitut in Biel studiert hat. Er reiht ganz kurze, knapp formulierte Momentaufnahmen aus seiner Kindheit in einem Walliser Dorf aneinander. Bei ihm fallen Erinnern und Schreiben zusammen, beides geschieht gleichzeitig und gleich schnell. Bei Maret erlebt man den Erinnerungs-, bei Elmiger den Wahrnehmungsprozess. Sie bilden die Flut von akustischen und optischen Reizen, die auf uns eindringen, ab. Maret steht in der Tradition von Georges Perec, der 1982 verstarb, und von seiner Werkstatt Oulipo, die es bis heute gibt. Im weitesten Sinne gehört auch Elmiger in diese Tradition – und sei es nur, weil sie den Vorsatz teilt, Inhalte durch neue literarische Formen ästhetisch erfahrbar zu machen.

«Schlafgänger» wiederum ist ein Buch für Waghalsige, die von Literatur Herausforderung, Anstrengung und Auseinandersetzung erwarten. In Elmigers Erstling «Einladung an die Waghalsigen» konnten sich die LeserInnen noch an zwei Frauen halten, die in einem kaputten Gebiet nach einem Fluss suchten. Der Fluss stand für Aufbruch, Veränderung, Leben und Bewegung. In «Schlafgänger» wird noch immer nach neuen Lebensformen gesucht – vom utopischen Sozialismus ist gelegentlich die Rede –, aber auf ProtagonistInnen, an denen sie sich orientieren könnten, müssen die LeserInnen verzichten. Die Erfahrung, die beim Lesen zu machen ist, ist einmalig. Durststrecken gibt es auch, weil die Form keine Entwicklung erlaubt. Zum Schluss sei die These gewagt, dass Lesende auch das noch bräuchten: ein sich zuspitzendes Geschehen.

Auf der Leipziger Buchmesse liest und diskutiert Dorothee Elmiger auf 
mehreren Veranstaltungen.

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